{"id":784,"date":"2015-09-07T20:49:10","date_gmt":"2015-09-07T18:49:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=784"},"modified":"2015-09-10T09:56:18","modified_gmt":"2015-09-10T07:56:18","slug":"dominanz-des-hundes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/dominanz-des-hundes\/","title":{"rendered":"Dominanz des Hundes"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">Dominanzprobleme mit Hunden&#8230;<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-789\" src=\"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/dominanz.jpg\" alt=\"Was ist eigentlich Dominanz\" width=\"564\" height=\"261\" srcset=\"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/dominanz.jpg 564w, https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/dominanz-300x139.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 564px) 100vw, 564px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Man glaubt es kaum, so wurde fr\u00fcher gegen eine \u201eangebliche\u201c Dominanz gearbeitet. Das war zB. eine Listen der \u201e10 Gebote gegen Dominanz\u201c&#8230;und das ist keine 100 Jahre alt!<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><span style=\"color: #732e06;\"><em>10 Gebote gegen Dominanz Ihres Hundes<\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Geben Sie ihrem Hund sein Futter erst, wenn Sie (der \u00bbRudelf\u00fchrer\u00ab) selbst mit dem Essen fertig sind.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Lassen Sie Ihren Hund niemals vor Ihnen (dem \u00bbRudelf\u00fchrer\u00ab) durch die T\u00fcr hinausgehen, wenn Sie das Haus verlassen.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Verbieten Sie Ihrem Hund, auf das Sofa oder ins Bett zu springen (nur Rudelf\u00fchrer haben Anspruch auf die gem\u00fctlichsten Pl\u00e4tze).<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Verbieten Sie Ihrem Hund, vor Ihnen die Treppe hinaufzulaufen oder von einer h\u00f6heren Position auf der Treppe auf Sie herabzublicken.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Vermeiden Sie, dass Ihr Hund Ihnen direkt in die Augen sieht.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Kuscheln Sie nicht mit Ihrem Hund, und streicheln Sie ihn nicht.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Interagieren Sie nicht mit Ihrem Hund, es sei denn, Sie trainieren mit ihm.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Begr\u00fc\u00dfen Sie Ihren Hund nicht, wenn Sie von der Arbeit, vom Einkaufen usw. nach Hause kommen.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Begr\u00fc\u00dfen Sie nicht morgens als Erstes Ihren Hund. Ihr Hund sollte Sie (den \u00bbRudelf\u00fchrer\u00ab) begr\u00fc\u00dfen.<\/em><\/span><\/li>\n<li><span style=\"color: #732e06;\"><em>Erlauben Sie Ihrem Hund nicht, am Ende des Spiels das Spielzeug zu behalten; er wird dies als Sieg interpretieren.<\/em><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sagt man dazu!?&#8230;.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Dilemma mit der Dominanz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl kaum ein Begriff ist in den letzten Jahrzehnten in der Hundezucht und Hundeausbildung so massiv und vielf\u00e4ltig benutzt worden wie der Begriff \u201eDominanz\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDominanz\u201c muss sowohl herhalten wenn Hunde hoch gelobt werden, als auch wenn begr\u00fcndet wird, warum sie f\u00fcr eine bestimmte Ausbildung oder die Zucht nichts taugen. \u201eDominanz\u201c wird oft als Erkl\u00e4rung genommen f\u00fcr Probleme im Zusammenleben Hund-Hund oder Hund-Mensch. Abh\u00e4ngig vom Auge des Betrachters ist ein \u201edominanter Hund\u201c dann jeweils etwas Gutes oder etwas Schlechtes. \u201eMein Hund ist sooo dominant\u201c h\u00f6rt man entweder als Entschuldigung oder als stolze Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt man Hundemenschen (Besitzer, Z\u00fcchter, Trainer) was sie mit dem Begriff Dominanz meinen, h\u00f6rt man unterschiedliche Definitionen. Die einen meinen damit schlichtweg das Zeigen von Aggression, die anderen, dass der Hund immer \u201eAlpha\u201c sein will in einer strengen Rudelhierarchie. Und oft genug bekommt man auch einfach nur ein Achselzucken. Das Schlagwort hat sich \u00fcber Jahrzehnte eingeb\u00fcrgert und man benutzt es halt ohne zu wissen was genau damit gemeint ist. Was bedeutet es wirklich, wenn ein Hund dominant ist beziehungsweise wann genau ist er dominant &#8211; und was bedeutet das f\u00fcr Menschen und andere Hunde, die mit ihm zu tun haben oder zusammen leben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Artikel soll eine \u00dcbersicht geben, was Dominanz ist, wie und warum es zur Entwicklung des \u201ealten Alphamodells\u201c in der Verhaltensbiologie gekommen ist, warum es sich bis heute so hartn\u00e4ckig h\u00e4lt und was es tats\u00e4chlich mit \u201eder Dominanz\u201c bei Hunden auf sich hat. Das neueste Wissen \u00fcber Sozialverhalten und hierarchische Strukturen bei W\u00f6lfen und Hunden soll vorgestellt werden. Am Ende \u2013 das soll gleich vorweg genommen werden \u2013 kann ich Ihnen leider kein \u201eErsatzmodell\u201c liefern, welches \u00e4hnlich einfach gestrickt w\u00e4re wie das alte \u201eAlphamodell\u201c. So etwas hat sich die Evolution f\u00fcr W\u00f6lfe (und Hunde) nicht ausgedacht. Die Realit\u00e4t ist weit komplizierter und variabler als man fr\u00fcher immer dachte. Aber keine Sorge: auch ohne simple hierarchische Strukturen gibt es gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten, wie sie Einfluss auf das Verhalten Ihres Hundes nehmen k\u00f6nnen und erreichen, dass Sie entspannt miteinander leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist \u201eDominanz\u201c?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man findet den Begriff \u201eDominanz\u201c in so verschiedenen Gebieten oder Wissenschaftsbereichen wie Biologie, Psychologie, Physik, Kunst, Musik, \u00d6kologie oder Soziologie. Jedes Mal ist er ein klein bisschen anders definiert, und so gibt es f\u00fcr das Adjektiv \u201edominant\u201c unterschiedliche Synonyme: beherrschend, besser, bestimmend, souver\u00e4n, tonangebend, \u00fcberlegen, \u00fcberragend, f\u00fchrend, leistungsf\u00e4higer. Eines haben aber alle Definitionen gemeinsam: sie benutzen Dominanz\u201c nicht isoliert auf einen Ton, ein Element oder ein Individuum bezogen. Mit \u201eDominanz\u201c sind immer Verh\u00e4ltnisse gemeint. Ein X ist dominant \u00fcber ein Y. X f\u00fcr sich alleine betrachtet ist nichts \u2013 nur in Verbindung mit Y ist es \u201ebestimmend\u201c, \u201e\u00fcberlegen\u201c oder \u201ehat einen hohen Status\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Biologie ist mit \u201eDominanz\u201c ein Statusverh\u00e4ltnis zwischen zwei Individuen gemeint. Alleine f\u00fcr sich ist kein Wolf oder Hund dominant (und auch nicht das Gegenteil: subdominant). \u201eDominanz\u201c ist keine pers\u00f6nliche Eigenschaft und ist nicht angeboren wie die Augenfarbe oder ein lockiges Haarkleid. Dominanz wird erworben in der Interaktion, im wiederholten sozialen Kontakt mit einem anderen Individuum. Ein Dominanzverh\u00e4ltnis besteht, wenn ein Individuum A einen h\u00f6heren sozialen Status hat als ein Individuum B. Hierzu geh\u00f6rt nicht nur, dass A eine Vorstellung vom eigenen Status zu B hat, sondern das B dieses Statusverh\u00e4ltnis auch wahrnimmt &#8211; dass B sich also in der Rolle des subdominanten Interaktionspartners sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen h\u00f6heren Status zu haben bedeutet, mehr Zugriffsrechte auf Ressourcen zu haben als derjenige mit dem niedrigeren Status. \u201eRessourcen\u201c ist der Fachbegriff f\u00fcr \u201e(\u00fcber)lebenswichtige Dinge\u201c. Im weitesten Sinne sind damit alle Dinge gemeint, die das Individuum braucht um ein gutes Leben zu f\u00fchren. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Futter und Wasser, aber auch das Territorium oder (f\u00fcr einen Beutegreifer) die M\u00f6glichkeit, Beute machen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr soziale Lebewesen wie W\u00f6lfe oder Hunde geh\u00f6rt auch Sozialkontakt dazu. Eine weitere wichtige Ressource ist die eigene k\u00f6rperliche Unversehrtheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statusverh\u00e4ltnisse als M\u00f6glichkeit, das soziale Miteinander zu regeln, haben sich in der Evolution entwickelt weil es Sinn macht. Der engste Sozialpartner ist immer auch einer der potentiell st\u00e4rksten Konkurrenten im Bezug auf Ressourcen. Etablierte Statusverh\u00e4ltnisse machen das Leben leichter weil sie die Spielregeln definieren, unter denen man zusammen lebt. Man muss sich nicht t\u00e4glich im Kleinkrieg um Ressourcen mit seinem direkten Rudel-Nachbarn aufreiben, sondern kann sich auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren: zusammen Nahrung zu finden oder die Nachkommen aufzuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Individuum A mit dem h\u00f6heren Status hat die M\u00f6glichkeit, Freiheiten und Rechte auf Ressourcen von Individuum B einzuschr\u00e4nken. Es muss dies aber nicht zwangsl\u00e4ufig tun. Es kann auch sein dass B freiwillig auf Freiheiten und Rechte verzichtet \u2013 eventuell sogar ohne dass A grade besonderes Interesse an einer bestimmten Ressource angemeldet h\u00e4tte. Der individuelle Wert, den die jeweilige Ressource f\u00fcr die beiden Interaktionspartner hat, spielt dabei eine gro\u00dfe Rolle. Auch in einem etablierten Statusverh\u00e4ltnis A&gt;B kann sich B massiv (und erfolgreich) f\u00fcr eine Ressource engagieren, wenn diese einen hohen Wert f\u00fcr B hat. Hat sie grade einen kleinen Wert f\u00fcr A, wird A vermutlich mit der Schulter zucken und weggehen. Hat A ebenfalls ein gro\u00dfes Interesse, entscheiden weitere Faktoren, ob es einen Konflikt gibt und wie der ausgeht; eine wichtige Rolle spielt zum Beispiel die individuelle Risikobereitschaft bei beiden. Wie weit sind sie bereit, die Ressource \u201eeigene k\u00f6rperliche Unversehrtheit\u201c f\u00fcr eine andere Ressource zu riskieren? Aus diesen beiden Faktoren \u201eRessourcenwert\u201c und \u201eRisikobereitschaft\u201c l\u00e4sst sich das sogenannte \u201eRessource Holding Potential (RHP)\u201c eines Individuums errechnen. \u201eRisikobereitschaft\u201c ist dabei ein Faktor, der st\u00e4rker genetisch fixiert ist, w\u00e4hrend der \u201eRessourcenwert\u201c st\u00e4rker durch Lernerfahrungen bestimmt wird. In der Verhaltensbiologie findet das RHP-Modell mittlerweile eine breite Verwendung. Es hat bei vielen sozialen Tierarten die alten \u201eDominanzmodelle\u201c abgel\u00f6st weil es flexibler und individueller anwendbar ist. Ob es sich auch auf Hunde und besonders auf die Hund-Mensch-Interaktionen anwenden l\u00e4sst, wird momentan noch diskutiert. Die Meinung tendiert allerdings dahin, dass auch das RHP-Modell hierf\u00fcr zu unflexibel ist; davon weiter unten mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dominanz im Hundealltag<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Alltagssprache wird derjenige mit dem h\u00f6heren Status oft als Boss, Chef oder Alpha bezeichnet. Gerade in der Hundeliteratur hat sich der Begriff \u201eAlpha\u201c eingeb\u00fcrgert. Alpha war der Gewinner im Kampf, der seine Untergebenen beherrscht &#8230; und diese Vorstellung, wie Hunde oder W\u00f6lfe miteinander leben, ist immer noch weit verbreitet. Parallel wurde dieses Modell auch auf das Zusammenleben Hund-Mensch \u00fcbertragen. In der g\u00e4ngigen Hundeliteratur findet man immer noch Angaben dazu, dass sich der Mensch als Alpha gegen\u00fcber seinem Hund durchsetzen muss. Da stehen dann so Aussagen wie \u201eAlpha herrscht mit drakonisch H\u00e4rte \u00fcber die Gruppe\u201c. Man ging davon aus dass alle Hunde kleine Diktatoren sind, die die Herrschaft \u00fcber ihre Gruppe an sich rei\u00dfen wollen. Jedes Knurren gegen den Besitzer bedeutete dann entweder \u201eich bin schon Alpha also geh weg\u201c oder \u201eich erhebe Anspruch auf die Alphaposition also geh weg\u201c. Als Begr\u00fcndung wurde angegeben, dass Hunde angeborene sozial expansive Verhaltenmuster haben die sie unweigerlich dazu zwingen, die soziale Leiter nach oben zu wollen. F\u00fcr das gedeihliche Zusammenleben zwischen Hund und Mensch, so steht es noch in vielen B\u00fcchern, m\u00fcsse sich auch der Mensch als Alpha gegen\u00fcber seinem Hund durchsetzen \u2013 notfalls mit Gewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Gehorsamsprobleme wurden\/werden oft als \u201eDominanzproblem\u201c abgetan. Dabei haben diese beiden Dinge so gut wie nichts miteinander zu tun. Unter anderem auch deshalb, weil die menschliche Vorstellung von \u201eGehorsam\u201c im Zusammenleben Hund-Hund oder unter W\u00f6lfen nicht existiert. Kein Wolf oder Hund befielt einem anderen, sich hinzusetzen oder heran zukommen. Und ein Wolf zwingt seine Kollegen auch nicht bei Strafandrohung zur gemeinsamen Jagd &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein nicht-befolgtes Kommando ist f\u00fcr den Mensch die Information, dass das Training noch nicht intensiv genug, konsequent genug oder eindeutig genug war. Der \u201eUngehorsam\u201c beinhaltet aber nicht die Information, dass der Hund den Menschen nicht als \u201eAlpha\u201c oder \u201eChef\u201c anerkennt. Den Hund bei unerw\u00fcnschtem Verhalten rigoros \u201eUnterordnungs\u00fcbungen\u201c machen zu lassen, ist nicht geeignet, um ihm Fehler deutlich zu machen und kann im Gegenteil sogar kontraproduktiv sein. Im Rahmen des \u201eDominanzdenkens\u201c wurden Handlungen an Hunden empfohlen, die in den allermeisten F\u00e4llen nicht der L\u00f6sung eines Problems dienlich waren. Den Hund auf den R\u00fccken zu schmei\u00dfen (\u201eAlpharolle\u201c) wenn er nicht gehorcht oder die Kinder anknurrt, macht die Probleme auf Dauer eher st\u00e4rker und erh\u00f6ht (zumindest im Fall der Kinder) das Gef\u00e4hrdungsrisiko. Nicht zuletzt besteht bei drastischen Ma\u00dfnahmen im Namen der \u201eDominanzdurchsetzung\u201c eventuell auch eine Tierschutzrelevanz f\u00fcr den Hund. Alleine aus diesem Grund sollte langsam ein Umdenken erfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das alte \u201eDominanzmodell\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor auf den aktuellen Stand der Forschung eingegangen wird, soll noch kurz der Frage nachgegangen werden, wie es zur Entwicklung dieses alten Dominanzmodells gekommen ist und warum es sich so lange in den K\u00f6pfen gehalten hat beziehungsweise immer noch h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden erste Untersuchungen \u00fcber hierarchische Strukturen im Tierreich durchgef\u00fchrt. Dominanzmodelle wurden entwickelt und teilweise von einer Tierart auf andere \u00fcbertragen. Schjelderup-Ebbe (1922) hat zum Beispiel\u00a0 nach seinen Untersuchungen an H\u00fchnern den Begriff der \u201eHackordnung\u201c eingef\u00fchrt. Er beschrieb ein klar von oben nach unten durchstrukturierte System, bei dem Alpha \u00fcber Beta steht, Beta \u00fcber Gamma, usw.. In den drei\u00dfiger Jahren wurde dieses Modell unter anderem von Konrad Lorenz auf W\u00f6lfe (und davon weiter auf Hunde) \u00fcbertragen. Dabei wurde von zwei Hierarchiereihen ausgegangen: einer m\u00e4nnlichen und einer weiblichen mit je einem \u201eAlpha\u201c an der Spitze. Eine der wichtigsten Aussagen war, dass die Alphaposition \u00fcber aggressives Verhalten gewonnen und verteidigt w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die damals gewonnen Erkenntnisse \u00fcber W\u00f6lfe basierten allerdings auf unvollst\u00e4ndigen und fehlerhaften Untersuchungsans\u00e4tzen, wie sich erst einige Jahrzehnte sp\u00e4ter herausstellte:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Die Untersuchungen wurden an k\u00fcnstlich zusammengestellten Wolfsrudeln in Gefangenschaft durchgef\u00fchrt. Dort gezeigte Verhaltensmuster und Strukturen entsprechen nicht dem, wie W\u00f6lfe sich in der Wildnis verhalten.<\/li>\n<li>Verhaltensforscher setzen sich damals mit Papier und Bleistift zum Beobachten hin und schrieben auf, was sie an Verhaltensweisen sahen. W\u00e4hrend sie aufschrieben, konnten sie nicht gleichzeitig beobachten, wie sich die W\u00f6lfe vor ihnen weiter verhielten. So gingen ihnen wichtige Zusammenh\u00e4nge und der zeitliche Ablauf von Interaktionen und Verhaltensmustern verloren.<\/li>\n<li>Aggressives Verhalten ist sehr auff\u00e4llig ist, und so wurden bei diesen Beobachtungen haupts\u00e4chlich aggressive Verhaltensmuster notiert.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">So entwickelte sich das Bild, welches jahrzehntelang das Wissen \u00fcber W\u00f6lfe und Hunde dominiert hat. Diese lange Zeitdauer wurde sicher dadurch beg\u00fcnstigt, dass das so gewonnene Hierarchiemodell sehr einfach, anschaulich und eing\u00e4ngig war. Es bediente vermutlich auch das menschliche Denken und die Vorstellungen der damaligen Zeit. Diese waren gepr\u00e4gt von dem Grundsatz \u201eLeben ist Kampf\u201c \u2013 wiederum einer fehlerhaften Interpretation einer Aussage von Charles Darwin, dessen Ideen zur Evolution sich damals grade eben in der breiten \u00d6ffentlichkeit etabliert hatten. Darwin hatte von \u201esurvival of the fittest\u201c gesprochen und damit vom \u00dcberleben desjenigen, der am besten an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst ist. Das konnte nat\u00fcrlich auch der aggressivste oder der mit den dicksten Muskeln sein &#8230;. musste es aber nicht zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der Einfachheit und Anschaulichkeit des alten \u201eDominanzmodells\u201c gab es noch weitere Gr\u00fcnde, warum neue, differenziertere und eventuell kontr\u00e4re Forschungsergebnisse es so schwer hatten, sich zu etablieren:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Der Mensch wird aus der Verantwortung genommen wenn etwas schief geht, denn der dominante Hund ist schuld.<\/li>\n<li>Man f\u00fchlt sich gro\u00df wenn man jemand anderes klein machen kann&#8230;<\/li>\n<li>Ein durch das Hundeverhalten gestresster Mensch kann seinen Stress am Hund ab arbeiten, wenn er sich als \u201edrakonischer Herrscher\u201c pr\u00e4sentiert. Das entspannt!<\/li>\n<li>Egal wie unfreundlich Menschen zu Hunden sind: in vielen F\u00e4llen zeigen Hunde submissives Verhalten und das wird f\u00e4lschlicherweise als schlechtes Gewissen interpretiert. Mit anderen Worten: \u201eder Hund wei\u00df genau was er falsch gemacht hat, und der Mensch hat Recht\u201c. Diese Fehlinterpretation best\u00e4rkt Menschen darin, mit bestimmten Handlungen weiterzumachen (Lernen am Erfolg).<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erste Zweifel an diesen simplen Hierarchiemodellen f\u00fcr W\u00f6lfe kamen schon in den 40er und 50 Jahren (Zusammenfassung bei Wilson, 1975), und ganz massiv in den 80ern. Trotzdem hat es noch einmal zwanzig Jahre gedauert, bis sich diese und weitere Forscher (Beispielhaft Mech, 1999) breiteres Geh\u00f6r verschaffen konnten und Forschungsprojekte in andere Richtungen gingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rudelstrukturen und \u201eDominanz\u201c beim Wolf heute<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute haben wir in der Verhaltensbiologie sehr viel besserer Untersuchungsmethoden. Wir k\u00f6nnen Tiere auf Video aufzeichnen und uns deren Verhalten 20 Mal hintereinander angucken. Wir k\u00f6nnen es vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts sehen, in Zeitlupe oder als Einzelbild weiter schalten. So gehen keine auch noch so dezenten Verhaltenselemente verloren. Dazu kommt dass der Betrachter nicht auf 2-3 m Entfernung hinter einem Gitter sitzt, sondern sich das ganze in der Natur aus 30 m Entfernung von einem Hochsitz aus mit dem Teleobjektiv ansehen kann. David Mech hat seine Untersuchungen zum Beispiel an wild lebenden Wolfsgruppen auf Ellesmere Island in Kanada im Zeitraum von 1986-1998 durchgef\u00fchrt. Er verbrachte jeden Sommer einige Monate auf der Insel. Er sagt, dass sich die W\u00f6lfe zum Schluss so sehr an ihn gew\u00f6hnt hatten dass er bis auf 1 m an sie heran konnte. Nat\u00fcrlich muss man auch hier vorsichtig mit der Interpretation solcher Ergebnisse sein. Der Mensch als k\u00fcnstlicher Faktor im Habitat der W\u00f6lfe beeinflusst auch deren Verhalten. Auf der anderen Seite sprechen Beobachtungen aus \u00fcber einem Jahrzehnt und vergleichbare Untersuchungen an anderen Stellen der Welt eine deutliche Sprache. Diese Untersuchungen zeigen uns dass das Sozialverhalten von W\u00f6lfen viel differenzierter und variabler ist als gemeinhin angenommen. Im folgenden Absatz sind die wichtigsten aktuellen Erkenntnisse zur Struktur und Organisation des sozialen Miteinanders von W\u00f6lfen aufgelistet.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ein Wolfsrudels ist eine Familiengruppe, F\u00e4he und R\u00fcde bilden die prim\u00e4re soziale Einheit; das Rudel w\u00e4chst dann mit den Nachkommen, die bei den Elterntieren verbleiben.<\/li>\n<li>Aggressive Auseinandersetzungen \u00fcber Ressourcen beziehungsweise Status sind eher selten. Aggressives Verhalten innerhalb eines Rudels findet man dort h\u00e4ufiger wo Menschen massiv in das Habitat der W\u00f6lfe eingreifen. Zum Beispiel indem sie den Lebensraum drastisch einschr\u00e4nken, Gruppenmitglieder heraus schie\u00dfen oder das Nahrungsangebot deutlich ver\u00e4ndern.<\/li>\n<li>Submissives Verhalten wird insgesamt deutlich h\u00e4ufiger gezeigt als aggressives.<\/li>\n<li>Submissives Verhalten wird meist spontan gezeigt und eher selten als Reaktion auf aggressives Verhalten des Gegen\u00fcbers.<\/li>\n<li>Soziopositive Verhaltensmuster halten des Rubel zusammen und entscheiden \u00fcber dessen Struktur. Der Schwerpunkt liegt in der Kooperation, nicht in der Konfrontation.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann es in dem simplen Satz zusammenfassen: Wolfsrudel stellen eine Familiengruppe dar, in der jeder jeden kennt, wei\u00df was er vom andern zu erwarten hat und was der andere von ihm erwartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich bilden sich innerhalb solcher Gruppen auch individuelle Statusverh\u00e4ltnisse zwischen jeweils zwei Individuen.\u00a0 Aber diese sind abh\u00e4ngig von verschiedensten Faktoren, nicht nur dem Alter und der jeweiligen Verwandtschaftsbeziehung. Statusverh\u00e4ltnisse zwischen W\u00f6lfen sind keine festen Gr\u00f6\u00dfen, die \u00fcber Jahre oder zumindest einige Tage fixiert sind. Statusverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen sich im Minutentakt \u00e4ndern. Die folgende Liste zeigt eine Reihe von Faktoren die Einfluss auf Statusverh\u00e4ltnisse zwischen W\u00f6lfen haben: Tageszeit, Jahreszeit, Anzahl der Gruppenmitglieder, aktuelle Gruppenstruktur, \u00d6rtlichkeit, Vorhandensein von Ressourcen, Interesse einzelner an Ressourcen, Vorhandensein von Stressoren, fr\u00fcherer Erfahrungen mit bestimmten Situationen. Als externer Beobachter wird man auch immer wieder zwischendurch Phasen erleben, wo man keine Verhaltensweisen beobachten kann, die Aufschluss \u00fcber etwaige Statusverh\u00e4ltnisse geben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die treibende Kraft f\u00fcr jedes Verhalten ist der Wunsch \u201emir soll es gut gehen\u201c. Das Verhaltensziel ist die Optimierung des eigenen Zustandes. W\u00f6lfe tun das was n\u00f6tig ist, um dieses Verhaltensziel zu erreichen. Dort wo es nach ihrer Meinung um keine wichtigen Ressourcen geht oder das generell Verhaltensziel nicht gef\u00e4hrdet ist, wird ein externer Beobachter auch nichts dramatisches oder gravierendes zu sehen bekommen (energieaufw\u00e4ndiges Verhalten w\u00e4re eine Energieverschwendung wenn es um nichts wichtiges geht). Er wird bei genauem Hinsehen vielleicht eine Reihe an soziopositiven Verhaltensmustern beobachten k\u00f6nnen; Schnauzenz\u00e4rtlichkeiten oder gegenseitige K\u00f6rperpflege. Vielleicht auch submissive Verhaltenselemente \u2013 die werden aber trotzdem kaum Aufschluss \u00fcber Statusverh\u00e4ltnisse liefern, weil sie von vielen Gruppenmitgliedern im Wechsel und in ann\u00e4hrend gleicher Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t gezeigt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlussendlich l\u00e4sst sich f\u00fcr W\u00f6lfe sagen, dass Lernerfahrungen eine deutlich gr\u00f6\u00dfere Rolle im Hinblick auf Statusbildung und hierarchische Struktur spielen, als irgendein genetisch fixiertes sozial expansives Verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und der Hund?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliches gilt vermutlich auch f\u00fcr den Hund&#8230;&#8230;aber tats\u00e4chlich gibt es hier noch viel Unbekanntes und viele Vermutungen. Das einzige was man heute mit Gewissheit sagen kann ist, dass Wolfsverhalten und deren soziale Strukturen nicht eins zu eins auf Hunde \u00fcbertragbar sind. Die Domestikation hat das soziale Verhalten von Hunden im Vergleich zum Wolf erkennbar ver\u00e4ndert. So erkennbar ver\u00e4ndert, dass auch verwilderte Haushunde, die \u00fcber mehrere Generationen wild leben, nicht anfangen sich auf einmal wieder wie W\u00f6lfe zu verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Intensive Studien an gro\u00dfen Gruppen von wild lebenden Haushunden in Indien und Italien haben gezeigt dass es nicht so sehr lang anhaltende, enge soziale Bindungen sind, die einzelne Tiere als Gruppe zusammen halten, sondern dass eher das Territorium als Ort wo Nahrung, Fortpflanzungspartner und Sozialpartner gefunden werden, eine ausschlaggebende Rolle spielt. In einer gro\u00dfen Gruppe an verwilderten Hunden finden sich einzelne Tiere zu kleineren Unter-Gruppen zusammen, es besteht aber nicht eine solch enge Bindung wie in einem Wolfsrudel und es finden auch regelm\u00e4\u00dfig Sozialkontakte zwischen Individuen verschiedener Sub-Gruppen statt. Auch bei den verwilderten Haushunden lassen sich h\u00e4ufiger submissive Verhaltensmuster als aggressive beobachten. Der Unterschied zu den W\u00f6lfen ist zum einen besagter Austausch zwischen einzelnen Sub-Gruppen und die Tatsache, dass Submission h\u00e4ufiger eine Antwort auf Aggression ist und nicht so h\u00e4ufig spontan gezeigt wird. Soziopositive Verhaltensmuster werden weniger zum generellen Gruppenzusammenhalt eingesetzt als vielmehr zur individuellen Deeskalation von Konflikten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun tats\u00e4chlich weder W\u00f6lfe noch verwilderte Haushunde nach den jahrzehntelang beschriebenen strengen Hierarchiemodellen leben, ist es \u00e4u\u00dferst fraglich, dass ausgerechnet unsere Haushunde dies tun sollten. Es bleibt die Frage wie man sich soziale Strukturen beim Hund oder gar zwischen Hund und Mensch vorstellen soll. Gibt es \u00fcberhaupt Statusverh\u00e4ltnisse zwischen Haushunden? Und falls ja &#8211; braucht man ein Konstrukt von Dominanzverh\u00e4ltnissen f\u00fcr ein erfolgreiches Zusammenleben zwischen Hund und Mensch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles Fragen, die nicht so ohne weiteres beantwortet werden k\u00f6nnen, weil dazu entsprechende Untersuchungen und Forschungsergebnisse fehlen. So langsam f\u00e4ngt man in der Verhaltensforschung zwar an, sich Haushunde intensiver anzugucken; aber in der Methodik zweifelfreie und valide Langzeitstudien zum Zusammenleben Hund-Hund und Hund-Mensch stehen noch aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bradshaw und Kollegen haben 2009 eine interessante Studie \u00fcber kastrierte R\u00fcden in Gruppenhaltung im Tierheim ver\u00f6ffentlicht. Sie wollten mit ihrer sechs Monate dauernden Beobachtung herausfinden, ob sich in der Gruppe aus 19 R\u00fcden eine Art hierarchische Struktur entwickelte. Dies war nicht der Fall. Die Interaktionen zwischen den Hunden zeigten, dass sie Verhaltensmuster f\u00fcr den individuellen Kontakt und Umgang miteinander lernten; es gab aber keine vorhersehbaren Muster die den Schluss auf die Bildung von festen Statusverh\u00e4ltnissen erlaubten. Die Autoren beschrieben, dass sich innerhalb der 19 R\u00fcden drei \u201eFraktionen\u201c bildeten. Zum einen waren da die sogenannten \u201eEremiten\u201c, die nur selten untereinander oder mit anderen Hunden der Gruppe interagierten. Als zweite Fraktion gab es die \u201eOutsider\u201c, die h\u00e4ufiger Kontakt untereinander oder mit anderen Hunden hatten, die aber weder untereinander noch mit anderen feste Zweierbeziehungen bildeten. Und dann gab es die sogenannten \u201cInsider\u201c. Diese Hunde bildeten untereinander klar erkennbare Zweierbeziehungen aus; feste Statusbeziehungen oder gar eine Art hierarchische Struktur konnten aber nicht beobachtet werden. Nat\u00fcrlich gibt es an dieser Studie viel auszusetzen: Hunde im Tierheim leben anders als Hunde, die einzeln oder zu mehreren eng mit einem oder mehreren Menschen zusammen leben; es wurde nur eine Geschlechtervariante betrachtet und dem Faktor \u201eRasse\u201c wurde keinerlei Beachtung geschenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite braucht es aber solche Studien, um \u00fcberhaupt einen Anfang zu machen und die oben gestellten Fragen zu beantworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was man mit Sicherheit sagen kann ist das sich so etwas wie ein Dominanzverh\u00e4ltnis nur dort etablieren kann, wo Individuen einen engen und h\u00e4ufigen sozialen Kontakt pflegen. Zwei Hunde die sich auf einem Spaziergang zum ersten Mal begegnen haben kein Wissen \u00fcber des anderen St\u00e4rken oder Schw\u00e4chen, soziale Kompetenz oder Interesse an Ressourcen. Sie haben (noch) keine soziale Beziehung und damit keine Erwartungen an das Verhalten des anderen. Genau dies erzeugt Unsicherheit und deshalb beobachtet man beim Zusammentreffen unbekannter Hunde h\u00e4ufig aus Unsicherheit resultierende Verhaltensmuster. Je nach Vorerfahrungen der individuellen Hunde kann es sich um Imponierverhalten handeln, um aggressives Verhalten, Verhalten zur Deeskalation oder Mischungen aus allem. Alle diese Verhaltensmuster sind Ausdruck eines Konfliktes. Der Hund will einerseits Informationen \u00fcber sich geben und vom anderen bekommen, um stressfreier und weniger unsicher aus der Situation heraus und\/oder in ein m\u00f6gliches n\u00e4chsten Zusammentreffen hinein gehen zu k\u00f6nnen. Andererseits muss er genau dazu n\u00e4her an den anderen Hund heran, dessen Verhalten und Stimmungen er noch nicht genau einsch\u00e4tzen kann, und riskiert dabei eventuell eine offensive Reaktion. Einige Hunde zeigen sich bei der \u201eInformationsbeschaffung\u201c sehr auff\u00e4llig-aufdringlich und massiv, andere sind eher zur\u00fcckhaltend-abwartend. Das auff\u00e4llig-aufdringliche Verhalten ist es, was vom Menschen f\u00e4lschlicherweise mit dem Etikett \u201edominant\u201c versehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sich solche nicht-zusammenlebenden Hunde dann im Laufe einer bestimmten Zeit mehrmals treffen, werden Erfahrungen aus vorherigen Zusammentreffen das Verhalten in den sp\u00e4teren Treffen bestimmen. Bestimmte Signale werden gelernt und erlauben es den Interaktionspartnern, Verhaltensmuster bei diesen Begegnungen vorherzusagen und entsprechend darauf zu reagieren. Je nachdem wie h\u00e4ufig sich diese Hunde treffen, k\u00f6nnte man ab einem bestimmten Zeitpunkt durchaus von einer Art Statusverh\u00e4ltnis sprechen. Ob solch ein \u201eStatusverh\u00e4ltnis\u201c dem entspricht, welches zwischen zwei \u201ewirklich zusammen lebenden\u201c Hunden herrschen k\u00f6nnte, ist unbekannt. Die bis jetzt vorliegenden Untersuchungen zu Hundegruppen zeigen auf alle F\u00e4lle, dass wenig bis kaum hierarchische Strukturen zu beobachten sind, wenn die Gruppen regelm\u00e4\u00dfig wechseln, oder erst aus erwachsenen Hunden zusammengestellt wurden. Gewisse hierarchische Strukturen kann man da beobachten wo es sich um stabile Gruppen aus Eltern und Nachkommen handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hund und Mensch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach hierarchischen Strukturen in gemischten Gruppen (Hund-Mensch) ist nach wie vor ungekl\u00e4rt. Wenn man die Schlussfolgerungen aus Beobachtungen an W\u00f6lfen, verwilderten Haushunden und Haushunden untereinander logisch weiter denkt, m\u00fcsste das Verh\u00e4ltnis Hund-Mensch noch variabler sein und noch weniger auf Statusbeziehungen basieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt von Dominanz und Hierarchie zu sprechen macht es f\u00fcr die Hund-Mensch-Gemeinschaft vielleicht mehr Sinn von \u201eSpielregeln\u201c zu sprechen. Spielregeln machen das Leben einfach. Wer sich an sie h\u00e4lt, wei\u00df was er zu erwarten hat. Da unsere Hunde mit uns in einer von Menschen gepr\u00e4gten Gesellschaft leben ist es sinnvoll, dass Menschen diese Spielregeln aufstellen. Sie sollen dazu f\u00fchren das jeder der Beteiligten ein gutes Leben hat und niemand zu Schaden kommt. Der Mensch stellt Spielregeln auf und die Hunde lernen durch korrektes, eindeutiges und konsequentes menschliches Verhalten: \u201ees geht uns gut wenn wir uns nach diesen Spielregeln richten\u201c. Dabei brauchen die Spielregeln nicht mit Druck oder Gewalt etabliert oder auf Dauer gehalten zu werden. Zum Regiegeber wird der Mensch nicht durch Gebr\u00fcll oder massive k\u00f6rperliche Manipulation, sondern durch eindeutige und konsequente Kommunikation und durch das eindeutige und konsequente Verwalten von Ressourcen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies setzt voraus, dass die Kommunikation zwischen Hund und Mensch funktioniert. Die Grundlage f\u00fcr eine funktionierende Kommunikation muss der Mensch liefern. Hundehalter sollten wissen, wie Hunde untereinander kommunizieren und welche Ausdruckselemente mit welchem Informationsgehalt wann eingesetzt werden. Zus\u00e4tzlich sollte jeder Halter eine Vorstellung davon haben, welche Ressourcen f\u00fcr seinen individuellen Hund wann wichtig sind. Dann k\u00f6nnen Spielregeln sinnvoll und ohne Tierschutzrelevanz aufgestellt werden, denn konsequentes und eindeutiges menschliches Verhalten wird dazu f\u00fchren das auch der Hund den Menschen versteht und als verl\u00e4sslichen Kommunikationspartner einsch\u00e4tzt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alte Regeln, wie der Mensch sich seinem Hund gegen\u00fcber als \u201eAlpha\u201c etablieren sollte umfassten Anweisungen wie \u201e als erster durch die T\u00fcr zu gehen\u201c, \u201eder Hund muss nach dem Menschen essen\u201c oder \u201eder Hund darf auf keinen erh\u00f6hten Liegeplatz. Wenn man das alte \u201eDominanzmodell\u201c ad acta legt und sich statt dessen auf Spielregeln konzentriert, darf der Hund gerne vor dem Menschen durch die T\u00fcr, vor ihm essen und auch auf dem Sofa liegen&#8230;.. der springende Punkt dabei ist, dass der Mensch die Rahmenbedingungen daf\u00fcr festlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch entscheidet was er m\u00f6chte und macht sich Gedanken, wie er die weiteren Jahre mit seinem Hund zusammen leben will und was Sinn macht oder n\u00fctzlich ist. Es kann sinnvoll sein, dass der Hund vor einem durch die T\u00fcr geht: man sieht in welche Situation der Hund hinein l\u00e4uft und kann gegebenenfalls eingreifen. Die Spielregel lautet: Du darfst nicht einfach so vor laufen, sondern du musst warten bis ich ein Signal gebe. \u00c4hnlich ist es mit der F\u00fctterung: warum nicht dem Hund vor dem eigenen Fr\u00fchst\u00fcck das Futter hinstellen und dann seine Ruhe haben? Der Hundeplatz auf dem Sofa n\u00fctzt beiden, denn Sozialkontakt (streicheln) kann gem\u00fctlich und bequem stattfinden. Die Spielregel lautet hier zum Beispiel: solange eine bestimmte Decke nicht auf dem Sofa liegt, ist das Sofa f\u00fcr den Hund tabu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Situationen, in denen Hunde ihre Menschen androhen oder bei\u00dfen, sind Situationen in denen der Hund sich oder eine wichtige Ressource bedroht f\u00fchlt; Situationen in denen der Hund gestresst war und Angst vor dem Menschen hatte. Aggressives Verhalten ist eine M\u00f6glichkeit um eine Bedrohung auf Abstand zu halten oder einen Konflikt f\u00fcr sich positiv zu beenden. Gerade wenn ein Hund von seinen menschlichen Sozialpartnern vorgelebt bekommen hat, das offensives aggressives Verhalten (Manipulationen wie Sch\u00fctteln) oder aggressive Kommunikation (Schimpfen) zum normalen Umgangston innerhalb der Gruppe geh\u00f6ren, darf es nicht verwundern wenn der Hund in einem Konflikt genauso reagiert. (&#8230; wie man in den Wald hinein ruft so schallt es heraus). Fr\u00fchere Anweisungen wie \u201ezeigen Sie ihrem Hund mal wer der Chef ist\u201c die dann in k\u00f6rperliche Aktionen umgesetzt werden, bergen ein enormes Gefahrenpotential und sind wom\u00f6glich tierschutzrelevant. Wenn bereits Probleme bestehen, muss sorgf\u00e4ltig analysiert werden welche Faktoren an der Entstehung beteiligt waren und welches jetzt der beste Trainingsansatz ist, um das Problem zu l\u00f6sen. Der grunds\u00e4tzliche Charakter des Hundes (eher \u00e4ngstlich oder nicht), seine Stresstoleranz und seine Lernf\u00e4higkeit m\u00fcssen dabei genauso ber\u00fccksichtigt werden wie etwaige Lernprozesse im Problemverlauf. Zum Beispiel k\u00f6nnen Hunde \u00fcber einige Problemsituationen verlernen, Angst oder Drohverhalten zu zeigen (auch wenn die Angst nach wie vor vorhanden ist) und gehen lieber gleich offensiv nach vorne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alte Dominanzmodell gibt keine wirklichen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Entstehung von Aggressionsproblemen im Kontakt Hund-Besitzer, denn ein Hund bei\u00dft nicht, weil er der Chef werden oder bleiben will. Das alte Dominanzmodell gibt auch keine Hilfestellung bei der L\u00f6sung solcher Probleme, denn \u201emassiven Druck von oben zu machen\u201c ist kein erfolgversprechender Ansatz sondern im Gegenteil auf l\u00e4ngere Sicht kontraproduktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutlich besser zur L\u00f6sung solcher Probleme geeignet sind dagegen das subtile Etablieren klarer Spielregeln bei gleichzeitigen Managementma\u00dfnahmen zur Gefahrenvermeidung und individuell angepassten Trainingsans\u00e4tzen, die den Hund alternative Verhaltensmuster lernen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Bradshaw, J.W.S., Blackwell, E.J. and Casey, R.A. (2009) Dominance in domestic dogs \u2013 useful construct or bad habit? Journal of Veterinary Behaviour, Clinical Applications and Research, Volume 4, Issue 3, Pages 109\u2010144 (May\u2010June 2009).<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Darwin, C. 1877: The expressions of the emotions in man and animals. \u00dcbersetzt von J. V. Carus. 3. Aufl. Stuttgart, Deutschland.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Horowitz, A. (2009). Disambiguating the \u201cguilty look\u201d: Salient prompts to a familiar dog behaviour. Behavioural Processes, 81, 447\u2010452.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Kovary, R., (1999). Taming the dominant dog. American Dog Trainers Network: 23 http:\/\/www.inch.com\/~dogs\/taming.html<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Lindsay S.R., 2000. Handbook of Applied Dog Behavior and Training, Volume 1, Adaptation and Learning. Iowa State University Press, Ames, Iowa, p. 12.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Lockwood, R. 1979. Dominance in wolves \u2013 useful construct or bad habit? In: Symposium on theBehaviour and Ecology of Wolves. Heraugegeben von E. Klinghammer. Garland STPM Press, NewYork, pp. 225-245.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Mech, L. D. (2008). What Happened to the Term Alpha Wolf? International Wolf, Winter 2008, pp. 4\u20108. http:\/\/www.4pawsu.com\/alphawolf.pdf<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Mech, L.D. (1999). Alpha status, dominance and division of labor in wolf packs. Can. J. Zool. 77, 1196\u20101203.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Mech, L.D. and Boitani, L. (2003). Wolf social ecology<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Packard, J.M. (2003). Wolf behavior: reproductive, social and intelligent. In: Mech, L.D., Boitani, L.(Eds.), Wolves: Behavior, Ecology and Conservation. University of Chicago Press, Chicago, IL, pp. 35\u201065.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Pal, S.K., Ghosh, B. and Roy, S. (1998). Agonistic behaviour of free\u2010ranging dogs (Canis familiaris) inrelation to season, sex and age. Appl. Anim. Behav. Sci. 59, 331\u2010348.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Pal, S.K., Ghosh, B. and Roy, S. (1999). Inter\u2010 and intra\u2010sexual behaviour of free\u2010ranging dogs (Canisfamiliaris). Appl. Anim. Behav. Sci. 62, 267\u2010278.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Schenkel, R. 1947. Expression studies of wolves. Behaviour 1: 81-129.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Schenkel, R. 1967. Submission: its features and function of the wolf and dog. Am. Zool. 7: 319-329.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Schjelderup-Ebbe, T. 1922. Beitr\u00e4ge zur Sozialpsychologie des Haushuhns. Z. Psychol. 88: 225-252.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Van Doorn, G.S., Hengeveld, G.M., Weissing, F.J., (2003). The evolution of social dominance. II: Multi\u2010player models. Behaviour, 140, 1333\u20101358.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Van Hooff, J. A. R. A. M., and Wensing, J. A. B. 1987. Dominance and its behavioural measure in acaptive wolf pack. In: Man and wolf: advances, issues, and problems in captive wolf research. Herausgegeben von H. Frank. Dr. W. Junk Publishers, Boston. pp. 219-252.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Van Kerkhove, W. (2004). A fresh look at the wolf\u2010pack theory of companion\u2010animal dog social behavior. J. Appl. Anim. Welf. Sci. 7, 279\u2010285.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Wilson, E. O. 1975. Sociobiology. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Mass.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Zimen, E. (1975). Social dynamics of the wolf pack. In: The wild canids: their systematics, behavioral ecology and evolution. Edited by M. W. Fox. Van Nostrand Reinhold Co., New York. pp. 336\u2010368.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Erstver\u00f6ffentlichung in: Unser Rassehund, Verbandsorgan VDH, 10\/11 2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominanzprobleme mit Hunden&#8230; Man glaubt es kaum, so wurde fr\u00fcher gegen eine \u201eangebliche\u201c Dominanz gearbeitet. 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