{"id":391,"date":"2015-07-13T22:22:40","date_gmt":"2015-07-13T20:22:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=391"},"modified":"2015-10-19T08:12:18","modified_gmt":"2015-10-19T06:12:18","slug":"die-kastration-beim-hund-ein-paradigmenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/die-kastration-beim-hund-ein-paradigmenwechsel\/","title":{"rendered":"Die Kastration beim Hund &#8211; Ein Paradigmenwechsel"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">Die Kastration beim Hund &#8211; Ein Paradigmenwechsel<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich geh\u00f6re zu einer Generation von Tier\u00e4rzten, der beigebracht wurde, eher beil\u00e4ufig und ohne gro\u00dfes Nachdenken alles zu kastrieren, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. F\u00fcr einige Tierarten ist das auch nach wie vor der einzig gangbare Weg. Katzen beiderlei Geschlechts werden nun einmal erst durch die Kastration zu Haustieren. Auch Kaninchen und einige Nager k\u00f6nnen unkastriert eigentlich nicht artgerecht gehalten werden. Beim Hund waren wir aber bez\u00fcglich der Kastration nie in einer echten Zwangslage. Man kann mit entsprechendem Aufwand selbstverst\u00e4ndlich intakte R\u00fcden und H\u00fcndinnen v\u00f6llig artgerecht halten. Andere Gr\u00fcnde waren ausschlaggebend: Die Prophylaxe verschiedener Erkrankungen, verhaltensmedizinische Probleme und die generelle Erleichterung der Haltung f\u00fcr den Besitzer. Den Vorteil der Unfruchtbarmachung hat man eher nebenbei mitgenommen. Wir lebten in der \u00dcberzeugung, dass wir den Hunden auf jeden Fall etwas Gutes tun. Diesbez\u00fcglich wird uns aber nun gerade der Teppich unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen! Wenn Sie es irgendwo laut krachen h\u00f6ren, k\u00f6nnte das der Aufprall unseres kollektiven tiermedizinischen Hinterns auf dem Boden sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_463\" aria-describedby=\"caption-attachment-463\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-463 size-full\" src=\"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/eunuch.png\" alt=\"Symbol f\u00fcr Eunuch. Wikipedia, gemeinfrei\" width=\"210\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/eunuch.png 210w, https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/eunuch-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-463\" class=\"wp-caption-text\">Symbol f\u00fcr Eunuch. Wikipedia, gemeinfrei<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht so, dass ich nicht schon seit einigen Jahren die Glocken h\u00e4tte l\u00e4uten h\u00f6ren. Immer wieder kamen Studien heraus, die den Verdacht n\u00e4hrten, dass die Nebenwirkungen der Kastration des Hundes bei beiden Geschlechtern weit \u00fcber das hinausgingen, was wir bisher f\u00fcr gegeben erachtet hatten. Es handelte sich aber erstmal nur um einzelne Ver\u00f6ffentlichungen, die teilweise auch gleich wieder mit Gegenstudien angegriffen wurden. Nun sind aber erste sogenannte Metaanalysen im Umlauf, also Arbeiten, die die Ergebnisse mehrerer Studien zu einem Thema zusammenfassen. Auch deren Folgerungen sind nach wie vor beileibe nicht unumstritten, aber es zeichnet sich doch ein klarer Trend ab, auf den ich als Praktiker an der Front reagieren muss. Prof. Dr. B\u00f6rne aus dem M\u00fcnsteraner Tatort-Team sagte in der letzten Folge sinngem\u00e4\u00df: Feste \u00dcberzeugungen sind was f\u00fcr schlechte \u00c4rzte, Heilpraktiker und Taxifahrer! Er hat auf jeden Fall damit recht, dass gute Mediziner sich immer dar\u00fcber im Klaren sein m\u00fcssen, dass die Medizin eine Wissenschaft ist und dass die Wissenschaft nicht stillsteht. Das kann manchmal, so erschreckend das sowohl f\u00fcr Arzt als auch Patienten sein mag, zu einem recht abrupt wirkenden Kurswechsel f\u00fchren. Und genau so etwas k\u00fcndigt sich jetzt bez\u00fcglich der Hundekastration an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was haben wir bisher als Tatsachen gesehen? Trennen wir es mal der \u00dcbersichtlichkeit halber nach Geschlecht auf und fangen wir mit der H\u00fcndin an. W\u00e4hrend unserer immer schon sehr ausf\u00fchrlichen Kastrationsberatung wurden Besitzer von H\u00fcndinnen seit jeher auf die folgenden Risiken hingewiesen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachteile H\u00fcndin:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Harninkontinenz (Harntr\u00e4ufeln), das um so wahrscheinlicher auftritt, je schwerer die H\u00fcndin wird.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Fellver\u00e4nderungen (Baby- oder Wollfell), sehr h\u00e4ufig auftretend bei langhaarigen Rassen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Fettleibigkeit, die vor allem dann entsteht, wenn die F\u00fctterung nicht an den reduzierten Kalorienbedarf nach einer Kastration angepasst wird.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Seit einigen Jahren weisen wir auch auf unsere pers\u00f6nliche Erfahrung hin, dass die unter Hunden weit verbreitete Schilddr\u00fcsen-Unterfunktion (Hypothyreose) so gut wie ausschlie\u00dflich bei kastrierten Tieren festgestellt wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war&#8217;s aber auch schon. Was haben wir als Vorteile erw\u00e4hnt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorteile H\u00fcndin:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Keine L\u00e4ufigkeit mehr (keine Blutung, keine ungewollte Fortpflanzung)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Je nach Zeitpunkt der Kastration so gut wie vollst\u00e4ndige Verhinderung von Mammatumoren (Brustkrebs)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Definitive Vermeidung von Eierstock-Tumoren und der Geb\u00e4rmutter-Vereiterung (Pyometra)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Stabilisierung der Psyche durch Vermeidung starker hormoneller Schwankungen im Rahmen der L\u00e4ufigkeit, allerdings mit der Einschr\u00e4nkung, dass bei manchen H\u00fcndinnen nach der Kastration ein gewisser Testosteron-\u00dcberhang entsteht, was die H\u00fcndin insgesamt m\u00e4nnlich-grimmiger machen kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das F\u00fcr und Wider der im angloamerikanischen Kulturraum so weit verbreiteten Fr\u00fchkastration (vor der ersten L\u00e4ufigkeit) wurde besprochen. Ich bilde mir ein, dass ich nie einen H\u00fcndinnen-Besitzer zu etwas gedr\u00e4ngt habe. Mir war immer wichtig, dass der Verantwortliche in m\u00f6glichst umfassender Kenntnis der aktuellen Faktenlage eine Entscheidung trifft und dann deren Vor- und Nachteile akzeptiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim R\u00fcden war die Kastration immer eine Kann-aber-muss-nicht-Geschichte. Die krankheitsverh\u00fctenden Auswirkungen waren recht \u00fcberschaubar, die Nebenwirkungen auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nachteile R\u00fcden:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Auch beim R\u00fcden tritt gelegentlich Harninkontinenz auf, aber viel seltener als bei der H\u00fcndin.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Das gleiche gilt f\u00fcr Fellver\u00e4nderungen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Das Problem des verringerten Kalorienbedarfs besteht v\u00f6llig analog zur H\u00fcndin, also werden R\u00fcden, die nach der Kastration die gleiche Futtermenge wie zuvor bekommen, ebenso fettleibig.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Ebenfalls wie bei der H\u00fcndin stellen wir Schilddr\u00fcsenunterfunktionen eigentlich nur bei kastrierten Tieren fest.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bez\u00fcglich der Vorteile lag die Hauptbetonung immer auf einer vom Besitzer erhofften Modifikation des typischen R\u00fcdenverhaltens (Markieren, sexuell motivierte Aggression, Streunen, etc.). Von einer krankheitsverh\u00fctenden Wirkung ging man aus bez\u00fcglich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorteile R\u00fcden:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Hodentumoren (logisch!)<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Prostatatumoren<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Gutartiger Prostatavergr\u00f6\u00dferung<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Perianaltumoren<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in dieser Frage haben wir keinen Besitzer zu irgendetwas gedr\u00e4ngt, sondern eine eigene, auf Fakten beruhende Entscheidung gef\u00f6rdert. Allerdings sind wir seit der Markteinf\u00fchrung des Suprelorin-Implantates, das einen R\u00fcden f\u00fcr eine bestimmte Zeit hormonell und reversibel &#8211; sozusagen auf Probe &#8211; kastriert, auch in Bezug auf diese Operation sehr zur\u00fcckhaltend geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt kann man sagen, dass wir bei beiden Geschlechtern bis vor einiger Zeit der Ansicht waren, dass die Vorteile die Nachteile eher \u00fcberwiegen. Wir haben diesen Standpunkt nicht nur vertreten, sondern durchaus selbst befolgt. Unsere Ridgeback-H\u00fcndin Nandi, die vor vier Jahren gestorben ist, war kastriert. Laurin, der jetzt zehn Jahre alte R\u00fcde unserer Tochter, ist ebenfalls kastriert. Unser jetziger Hund, der vier Jahre alte Terrier-R\u00fcde Nogger, ist es dagegen nicht. Was hat sich ge\u00e4ndert? Ich muss dazu etwas weiter ausholen, bitte halten Sie durch!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich behaupte, dass die Tiermedizin als Wissenschaft sich zu lange auf sehr alten Studien zu dieser Thematik ausgeruht hat. Viele der Daten, mit denen wir argumentiert haben, stammen aus den Siebziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts. In letzter Zeit aber setzt sich in der medizinischen Wissenschaft ein neues Denken durch, die sogenannte Evidenzbasiertheit, was (vereinfacht) bedeutet, dass sich m\u00f6glichst jede medizinische Vorgehensweise auf tats\u00e4chlich beweisbare Fakten st\u00fctzen sollte. Dementsprechend wird momentan alles in Frage gestellt, was immer schon als Tatsache galt, aber nie so richtig bewiesen wurde. So wuchs auch der Drang der Forscher, das alte Thema der Kastration erneut aufzugreifen. Wie weiter oben schon erw\u00e4hnt: Zuerst waren es einzelne und stark in Zweifel gezogene Studien, die zur Ver\u00f6ffentlichung kamen und noch keinen echten Anlass f\u00fcr einen Kurswechsel darstellten. Inzwischen verdichtet sich die Datenlage aber derart, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist jetzt das Problem, fragen Sie? Das Hauptproblem, mit einem Wort ausgedr\u00fcckt, ist Krebs! Mit der Kastration wird einerseits das Auftreten bestimmter Tumore verhindert, andererseits aber steigt das Risiko f\u00fcr andere Krebsarten, und zwar wahrscheinlich so deutlich, dass das gesamte bisherige Kastrationskonzept in Frage gestellt wird. Einer der wichtigsten Grunds\u00e4tze der Medizin lautet: Nihil nocere! Niemals schaden! F\u00fcr mich sieht es inzwischen fast so aus, als ob man einen Hund nicht mehr ohne strengste Indikationsstellung kastrieren k\u00f6nnte, ohne diesen Grundsatz zu verletzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der umfassendsten und bez\u00fcglich der Fallzahlen beeindruckendsten Arbeiten zu dem Thema ist f\u00fcr mich &#8222;Evaluation of the risk and age of onset of cancer and behavioral disorders in gonadectomized Vizslas (Risiko und Erkrankungsbeginn von Krebs und Verhaltensst\u00f6rungen bei kastrierten Vizslas)&#8220;. In dieser im Februar diesen Jahres im angesehenen Journal of the American Veterinary Medical Association ver\u00f6ffentlichten Studie greift die Kollegin Christine Zink auf die Daten von 2505 (!) ungarischen Vorstehhunden (Magyar Vizsla) zur\u00fcck. Es macht im Rahmen eines Blog-Artikels wie diesem keinen Sinn, detailliert auf Kollegin Zinks Ergebnisse einzugehen, aber alles in allem muss man feststellen, dass kastrierte Tiere beiderlei Geschlechts ein teilweise um ein Mehrfaches erh\u00f6htes Risiko aufwiesen, an bestimmten Krebsarten (Mastzelltumore, H\u00e4mangiosarkom, Lymphosarkom) zu erkranken, und das auch noch zu einem deutlich fr\u00fcheren Zeitpunkt als intakte Artgenossen. Auch bestimmte Verhaltensst\u00f6rungen, vor allem die Angst vor Gewittern, kamen bei kastrierten Tieren deutlich h\u00e4ufiger vor. Andere Studien belegen, dass das Risiko f\u00fcr die Entwicklung eines Osteosarkoms (Knochenkrebs) f\u00fcr kastrierte Hunde um das drei- bis vierfache erh\u00f6ht ist. Selbst die Datenlage zur Verhinderung von Ges\u00e4ugetumoren durch die Kastration steht unter Beschuss. Und b\u00f6sartige Prostatatumoren beim R\u00fcden treten bei Kastraten nicht seltener, sondern h\u00e4ufiger auf! Insgesamt wird die erh\u00f6hte Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Tumorerkrankungen aktuell mit einer durch den Wegfall der Geschlechtshormone zusammenh\u00e4ngenden Beeintr\u00e4chtigung des Immunsystems in Zusammenhang gebracht. Daf\u00fcr spricht auch, dass bei kastrierten Hunden offenbar sogar eine h\u00f6here Infektanf\u00e4lligkeit nachzuweisen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders bedr\u00fcckend ist f\u00fcr mich, dass eine Kastration fast sicher das Auftreten von H\u00e4mangiosarkomen, den ber\u00fcchtigten Milztumoren, f\u00f6rdert. Ich bin auf diese Erkrankung in einem fr\u00fcheren Blogartikel schon einmal eingegangen. Mit dieser extrem b\u00f6sartigen und gef\u00e4hrlichen Tumorart haben wir es bei \u00e4lteren Hunden andauernd zu tun. Unsere Nandi wurde aufgrund metastasierter Milztumore eingeschl\u00e4fert. Die Vorstellung, dass wir diese fiese Krankheit durch Kastration auch noch gef\u00f6rdert haben sollen, finde ich einfach schrecklich. Meine amerikanische Kollegin und Krebsspezialistin Alice Villalobos findet daf\u00fcr einen sehr passenden Ausdruck: Earth shattering!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit leider nicht genug: Auch verschiedene orthop\u00e4dische Probleme werden inzwischen mit der Kastration in Verbindung gebracht. Bez\u00fcglich Kreuzbandrissen scheint es bereits unumstritten festzustehen, dass diese Verletzung bei kastrierten Tieren deutlich h\u00e4ufiger vorkommt. Es gibt aber auch Hinweise, dass sogar H\u00fcftgelenkarthrosen bei Kastraten fr\u00fcher und schlimmer auftreten. Letzteres scheint aber noch nicht wirklich sicher. Ziemlich klar dagegen ist der Zusammenhang zwischen der Kastration und der h\u00e4ufigsten endokrinologischen St\u00f6rung des \u00e4lteren Hundes, der Schilddr\u00fcsenunterfunktion (Hypothyreose).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem, wie schon erw\u00e4hnt, momentan alles in Frage gestellt wird, was bisher galt, k\u00f6nnte man noch einige Punkte mehr auff\u00fchren, aber das bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. Wenn wir den Grundsatz, niemals schaden zu wollen, ernst nehmen, ist es hier und jetzt Zeit f\u00fcr einen Kurswechsel. Wir k\u00f6nnen beim Hund nicht mehr guten Gewissens einfach so im Vorbeigehen kastrieren! Selbstverst\u00e4ndlich wird es nach wie vor Hunde geben, die nach sorgf\u00e4ltigster Abw\u00e4gung der individuellen Umst\u00e4nde trotzdem kastriert werden. Da m\u00f6gen bestimmte Haltungsbedingungen (H\u00fcndin und R\u00fcde im gleichen Haushalt) vorliegen oder gute medizinische Gr\u00fcnde (Perianaltumore oder eine Perinealhernie beim R\u00fcden, chronische oder akute Geb\u00e4rmuttererkrankungen bei der H\u00fcndin), die einfach keine andere Wahl lassen. Von solchen klaren Indikationen aber abgesehen werden wir in Zukunft mit Kastrationen in unserer Praxis noch zur\u00fcckhaltender sein als wir es in den letzten Jahren sowieso schon waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach ja, ein letzter Punkt vielleicht noch: In letzter Zeit scheint es sich zu h\u00e4ufen, dass Hundetrainerinnen und Hundetrainer es sich zutrauen, speziell bei R\u00fcden eine Kastrationsindikation zu stellen, um Erziehung und Handling zu erleichtern. Die Besitzer treten dann an uns heran mit der Bitte, den Hund zu kastrieren, weil es die Trainerin oder der Trainer so angeraten habe. Davon kann unter Ber\u00fccksichtigung der erl\u00e4uterten Faktenlage nat\u00fcrlich gar keine Rede sein! Eine sich eventuell etwas schwieriger als erwartet gestaltende Erziehung stellt zumindest in unserer Praxis keine ausreichende Begr\u00fcndung f\u00fcr diesen Eingriff dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte mir gut vorstellen, dass Besitzer von Hunden, die irgendwann in unserer Praxis kastriert wurden, jetzt dar\u00fcber ungl\u00fccklich oder gar auf uns sauer sind. Das ist einerseits auf der emotionalen Ebene ein St\u00fcck weit nachvollziehbar, andererseits kann ich den Vorwurf nur an die in der Forschung arbeitenden Stellen weitergeben. Ich bin als Praktiker von der Forschung und ihren Erkenntnissen abh\u00e4ngig und beileibe nicht gl\u00fccklich, dass man sich bez\u00fcglich dieses Themas gute drei\u00dfig Jahre auf alten Lorbeeren ausgeruht hat. Davon abgesehen: Bitte keine Panik, dazu gibt es absolut keinen Anlass. Wenn wir beispielsweise bei einer bestimmten Tumorart von einer Verdreifachung des Risikos sprechen, klingt das im ersten Moment wirklich \u00fcbel. Wenn man sich aber klar macht, dass diese Tumorart an sich nur eine Wahrscheinlichkeit von 1,5 Prozent hat, dann bedeuten die aus einer Verdreifachung des Risikos resultierenden 4,5 Prozent immer noch, dass ein ganz bestimmter Hund diesen Tumor zu 95,5 Prozent NICHT bekommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele, nicht zuletzt Kolleginnen und Kollegen, werden einwenden, dass ein solcher Kurswechsel langfristig auch wieder bestimmte Konsequenzen haben wird. Stimmt! Wir werden bei intakten H\u00fcndinnen eventuell wieder \u00f6fter Ges\u00e4ugetumoren und ganz sicher wieder mehr Geb\u00e4rmutter-Vereiterungen (Pyometren) sehen. Aber auch das ist eben eine Sache der Risikoabw\u00e4gung. Ein gut aufgekl\u00e4rter Besitzer wird sowohl ein Geb\u00e4rmutter-Problem als auch einen Ges\u00e4ugetumor fr\u00fchzeitig erkennen und entsprechend beim Tierarzt vorstellen. Die Chancen einer fr\u00fchen und erfolgreichen chirurgischen Intervention sind dann ganz entschieden besser als bei einem H\u00e4mangiosarkom der Milz oder gar einem Lympho- oder Osteosarkom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich mit dieser f\u00fcr meine Praxis geltenden Positionsfestlegung in das sprichw\u00f6rtliche Wespennest steche, und zwar gleicherma\u00dfen bei Hundebesitzern und bei Tier\u00e4rzten. Sicherlich wird es viele Praxen geben, die bereits einen vergleichbaren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Standpunkt eingenommen haben, dies aber nicht per Blog-Artikel \u00f6ffentlich machen. Andere Kolleginnen und Kollegen werden meine Einlassungen als viel zu vorschnell verurteilen und nach immer noch beweiskr\u00e4ftigeren Studien rufen. Mir geht es um zwei Punkte: In erster Linie m\u00f6chte ich mit diesem Artikel meine Kunden dar\u00fcber informieren, dass sich etwas Grundlegendes ge\u00e4ndert hat. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde ich ungern erleben, dass wir, wie damals bei der Verl\u00e4ngerung der Impfintervalle, eine neue Entwicklung komplett verpennen, um dann 5 bis 10 Jahre hinter den Amerikanern her zu hinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald sich der Staub etwas gelegt hat (was noch einige Zeit dauern kann), werden wir f\u00fcr unsere Kunden ein Aufkl\u00e4rungsformular verfassen, in dem alle bis zu diesem Zeitpunkt als gesichert geltenden Fakten aufgef\u00fchrt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm \/ S\u00f6flingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kastration beim Hund &#8211; Ein Paradigmenwechsel Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt Ich geh\u00f6re zu einer Generation von Tier\u00e4rzten, der beigebracht wurde, eher beil\u00e4ufig und ohne gro\u00dfes Nachdenken alles zu kastrieren, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. 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