{"id":377,"date":"2015-07-11T22:22:18","date_gmt":"2015-07-11T20:22:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=377"},"modified":"2015-07-13T07:46:50","modified_gmt":"2015-07-13T05:46:50","slug":"verhaltensforschung-was-hunde-wirklich-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/verhaltensforschung-was-hunde-wirklich-denken\/","title":{"rendered":"Verhaltensforschung &#8211; Was Hunde wirklich denken"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">Verhaltensforschung &#8211; Was Hunde wirklich denken<\/h1>\n<figure id=\"attachment_378\" aria-describedby=\"caption-attachment-378\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-378 size-full\" src=\"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/john_bradshaw.jpg\" alt=\"(Quelle: www.johnbradshaw.com)\" width=\"150\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-378\" class=\"wp-caption-text\">(Quelle: johnbradshaw.com)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>John Bradshaw ist ein US-amerikanischer Philosoph, Theologe, Psychologe und Autor. Er widmete sich stark der therapeuthischen und pers\u00f6nlichkeitsentwickelnden Arbeit mit dem inneren Kind und ver\u00f6ffentlichte dazu zahlreiche B\u00fccher. Geboren: 29. Juni 1933 (Alter 82), Houston, Texas, Vereinigte Staaten, Ausbildung: University of Toronto, Rice University<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was erkennt der Hund, was sieht er in seinem Halter oder Besitzer? Seit \u00fcber hundert Jahren gab es darauf eine eindeutige Antwort: den Chef, den Leitwolf, jedenfalls eine Art autorit\u00e4ren Oberhund, der Unterordnung und absoluten Gehorsam erwartet. Der britische Zoologe und Verhaltensforscher John Bradshaw h\u00e4lt das f\u00fcr falsch \u2013 und er kann es beweisen. Bradshaw ist Professor an der Universit\u00e4t von Bristol. Er hat die Herkunft und Entwicklungsgeschichte und damit gleichsam die Soziogenese des Hundes rekonstruiert. Sein neues Buch h\u00e4lt Platz eins der Bestsellerlisten in Amerika und Gro\u00dfbritannien. Im Oktober erscheint es in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Herr Bradshaw, Sie behaupten, ein Hund k\u00f6nne in seinem Herrn nicht den Leitwolf sehen. Was denn dann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Auch W\u00f6lfe orientieren sich nicht am Leitwolf. Das ist ein Missverst\u00e4ndnis. W\u00f6lfe wachsen in Familien auf. Junge W\u00f6lfe orientieren sich an den Eltern, an den \u00e4lteren Geschwistern, die sie erziehen und ihnen aus Schwierigkeiten helfen. Dieses Erbe hat sich auch in unseren Hunden erhalten. Sie bilden zwar keine Hunderudel, das haben sie verlernt. Aber sie suchen sich ihre Familie beim Menschen. Hunde wollen am liebsten permanent mit ihm zusammen sein. Dass der Mensch meint, er m\u00fcsse sich dabei als Leitwolf oder Oberhund auff\u00fchren, ist ein altmodischer Irrtum. Dass sich dieser Unfug schon mehr als 100 Jahre h\u00e4lt, kann weder f\u00fcr den Hund noch den Herrn ein Gewinn gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Immerhin hat sich diese Auffassung in der Hundedressur bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Ein Deutscher hat diese Idee der &#8222;Dominanz&#8220; in die Welt gesetzt, Oberst Konrad Most, ein preu\u00dfischer Polizeibeamter. Bis heute gilt er als Pionier des Hundetrainings. Sein Buch \u00fcber das Diensthundewesen erschien 1910, es war eines der ersten Fachb\u00fccher \u00fcberhaupt, das sich mit Hundetraining befasste. Es gilt bis heute. Konrad Most stellte die Behauptung auf, dass ein Mensch einen Hund nur dann kontrollieren k\u00f6nne, wenn der Hund von der k\u00f6rperlichen \u00dcberlegenheit des Menschen \u00fcberzeugt sei. Diese Vorstellung klingt heute absurd. Dennoch kann niemand Most einen Vorwurf machen. Er gr\u00fcndete damals seine Theorie auf wissenschaftliche Belege. Damals war es eine der aufregendsten und spektakul\u00e4rsten Forschungsaufgaben unter Zoologen, wilde Wolfsrudel zu beobachten. Die Biologen glaubten zu erkennen, dass jedes Rudel von einem einzigen Wolf dominiert werde, der die anderen W\u00f6lfe despotisch streng durch Furcht beherrscht. Diese Vorstellung hat die moderne Verhaltensforschung in den letzten zehn Jahren zwar korrigiert. Aber f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis von Hunden gilt sie nach wie vor. F\u00fcr alle anderen ergibt sich jetzt die Frage: Wenn W\u00f6lfe keine Despoten sind, warum sollten dann Hunde ihre Besitzer dominieren wollen? Oder wir sie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Was schlagen Sie vor? Antiautorit\u00e4re Erziehung? Diplomatie und sanfte \u00dcberzeugungskraft, die Kunst der Motivation?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Viele Hundetrainer, vor allem die der alten Schule, vertreten den Standpunkt, dass Hunde Respekt vor dem Menschen haben m\u00fcssen. Sie sagen &#8222;Respekt&#8220;, tats\u00e4chlich meinen sie aber &#8222;Angst&#8220;. Diese Trainer legen die Idee von Herr und Hund so aus, dass Hunde ihren Besitzer f\u00fcrchten sollen, andernfalls w\u00fcrden die Hunde unkontrollierbar und tanzten dem Menschen auf der Nase herum. Wissenschaftliche Studien besagen aber, dass Hunde ihren Besitzern gefallen wollen. Deshalb ergibt es keinen Sinn, Hunden Furcht einzufl\u00f6\u00dfen, es ist auch nicht n\u00f6tig. Schlie\u00dflich versuchen wir auch nicht, unsere Kompagnons zu ver\u00e4ngstigen. Nat\u00fcrlich sollte jeder seinen Hund erziehen. Er muss Verantwortung f\u00fcr ihn \u00fcbernehmen und ihm Grenzen setzen. Es gibt moderne Trainer, die nur mit Belohnung und positiver Verst\u00e4rkung arbeiten. Aber leider h\u00e4lt sich trotzdem bei fast allen die Angst, dass der Hund permanent versuchen k\u00f6nnte, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen, wie es uns die altmodische Theorie vom Wolfsrudel weismachen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Und der Hund, der nicht vom Sofa runterwill? Der sich breitmacht und jeden Respekt verloren hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Das klingt f\u00fcr mich nach einem charmanten Kerl, der es gern bequem hat, aber leider etwas unerzogen ist. Viele Trainer sehen in diesem Hund nichts als das Tier, das sich zum Chef aufschwingen will, weil nur R\u00e4delsf\u00fchrer ihren Anspruch auf den gem\u00fctlichsten Platz durchsetzen k\u00f6nnen. Es gibt ganze Listen mit Regeln wie dem Sofaverbot, die den Hund vom Gr\u00f6\u00dfenwahn kurieren und verhindern sollen, dass sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Herr und Hund umkehrt. Punkt eins dieser Liste: Geben Sie Ihrem Hund sein Futter erst, wenn Sie selbst mit dem Essen fertig sind. Punkt zwei: Lassen Sie Ihren Hund niemals vor Ihnen durch die T\u00fcr gehen. Punkt drei: Verbieten Sie Ihrem Hund, vor Ihnen die Treppe hinaufzulaufen oder von einer h\u00f6heren Position auf der Treppe auf Sie herabzublicken. Oder auch das steht in solchen Listen: Vermeiden Sie, dass Ihr Hund Ihnen direkt in die Augen sieht. Begr\u00fc\u00dfen Sie nicht morgens als Erstes Ihren Hund. Ihr Hund sollte Sie begr\u00fc\u00dfen. Erlauben Sie Ihrem Hund nicht, am Ende das Spielzeug zu behalten, er wird das als Sieg interpretieren. Das alles ist nicht schl\u00fcssig, so denken, so reagieren Hunde nicht. Solche Regeln h\u00e4tten einen Sinn, wenn Hunde eine Vorstellung von &#8222;Status&#8220; h\u00e4tten. Haben sie aber nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Wie k\u00f6nnen Sie sich da so sicher sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Forscher haben einige dieser Gebote untersucht, keines von ihnen hielt unter wissenschaftlichen Bedingungen stand. In einer Studie erlaubte man Hunden, in einem Zerrspiel mit einem Menschen immer und immer wieder zu gewinnen. Die Hunde liebten dieses Spiel \u2013 und zogen diese Variante nat\u00fcrlich klar jener vor, in der sie gezwungen waren, jedes Mal zu verlieren. Aber nichts deutete darauf hin, dass ihnen ihre Siegesserie zu Kopf gestiegen w\u00e4re und sie &#8222;dominant&#8220; gemacht h\u00e4tte. Hunde wollen niemanden dominieren, weder Menschen noch andere Hunde. Wenn Hunde raufen, dann nicht um Macht oder eine h\u00f6here Position in der Hackordnung, sondern um Futter, um Spielzeug oder um eine H\u00fcndin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Die meisten Hunde sind zur Arbeit gez\u00fcchtet, aber jetzt sollen sie einfach nur Freunde sein. Wie passt das zusammen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Im 16. Jahrhundert kam in England der kurzbeinige &#8222;Bratenwender&#8220; in Mode, eine Hunderasse, deren einzige Aufgabe darin bestand, in einer Hamsterrad-Vorrichtung zu laufen, die ein St\u00fcck Fleisch \u00fcber dem Feuer drehte. Sie sehen, Hunde sind schon f\u00fcr viele Aufgaben missbraucht worden, eine der schwierigsten ist f\u00fcr sie allerdings heute das Leben in der Stadt. Man erwartet von ihnen, dass sie wohlerzogener sind als Kinder, aber gleichzeitig so eigenverantwortlich wie Erwachsene. Ein Collie, der Schafe h\u00fctet, ist nat\u00fcrlich der beste Freund des Sch\u00e4fers. Der Collie, der versucht, die Kinder zu h\u00fcten und der Fahrr\u00e4dern nachjagt, ist der Albtraum seines Besitzers. Doch abgesehen von den H\u00fctehunden und einigen Jagdrassen sind die meisten Hunde zufrieden, wenn sie einfach nur Familienmitglieder sein d\u00fcrfen. Die meisten Rassen sind darauf gez\u00fcchtet, anh\u00e4nglich zu sein, weil anh\u00e4ngliche Hunde leichter trainierbar sind. Hunde achten auf uns und versuchen zu verstehen, was wir ihnen mitteilen wollen. Das ist ihr Schicksal. Kein anderes Tier w\u00fcrde das tun, schon gar nicht der Wolf. L\u00e4sst man einen kleinen Welpen w\u00e4hlen, ob er sich lieber einem Menschen zuwenden soll oder einem Artgenossen, dann entscheidet er sich f\u00fcr den Menschen. Das ist das Ergebnis von Zehntausenden Jahren der Zucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Morgenpost Online: <\/strong>Viele Hunde werden geliebt wie Kinder. K\u00f6nnen sie genauso lieben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>John Bradshaw:<\/strong> Wir wissen, dass Teile ihres Gehirns von Gef\u00fchlen wie N\u00e4he und W\u00e4rme angeregt werden. Einigen Kollegen ist der Begriff &#8222;Liebe&#8220; nicht wissenschaftlich genug. Sie sprechen lieber von Bindungen und Verbundenheit. Ich w\u00fcsste nicht, warum man das nicht Liebe nennen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Hundeverstand&#8220;, John Bradshaw. Kynos-Verlag. 315 Seiten, 19,95 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: morgenpost.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verhaltensforschung &#8211; Was Hunde wirklich denken John Bradshaw ist ein US-amerikanischer Philosoph, Theologe, Psychologe und Autor. Er widmete sich stark der therapeuthischen und pers\u00f6nlichkeitsentwickelnden Arbeit mit dem inneren Kind und ver\u00f6ffentlichte dazu zahlreiche B\u00fccher. Geboren: 29. 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