{"id":297,"date":"2015-07-12T13:14:46","date_gmt":"2015-07-12T11:14:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=297"},"modified":"2015-07-31T08:49:17","modified_gmt":"2015-07-31T06:49:17","slug":"gut-sozialisiert-noe-gut-traumatisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/gut-sozialisiert-noe-gut-traumatisiert\/","title":{"rendered":"Gut sozialisiert? Nein, gut traumatisiert!"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">Gut sozialisiert? N\u00f6, gut traumatisiert!<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehre, wem Ehre geb\u00fchrt: Die Idee f\u00fcr diesen Artikel habe ich aus dem gleich betitelten Blog-Eintrag von Andre Yeu, dem Besitzer der Hundeschule &#8222;When Hounds Fly&#8220; in Toronto.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau so wie Andre wird es mir immer wieder mal schwindlig, wenn ich beobachte, was bei sogenanntem freien Hundespiel so alles passiert und was f\u00fcr psychische Langzeitsch\u00e4den da gerade gesetzt werden, w\u00e4hrend die Besitzer das Ganze nichtsahnend l\u00e4chelnd beobachten und sich in dem guten Gef\u00fchl sonnen, dass sie ihrem Hund in Bezug auf seine Sozialisation gerade was richtig Gutes tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von allen Seiten &#8211; auch von uns &#8211; wird dem frischgebackenen Hundebesitzer empfohlen, den Kontakt seines Hundes zu anderen Hunden zu f\u00f6rdern, um eine m\u00f6glichst gute Sozialisation zu erreichen. Nicht zuletzt zu diesem Zweck werden auch gern die Welpeng\u00e4rten der Hundeschulen besucht oder man geht gezielt auf den orts\u00fcblichen &#8222;Hundestrichen&#8220; spazieren. Eine gute Sozialisation ist auch nie wirklich abgeschlossen. Man kann sich also nicht auf im Welpenalter erworbenen Lorbeeren ausruhen, sondern sollte dem Hund immer wieder Gelegenheit zur Interaktion mit Artgenossen geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur, wie das im realen Leben oft verl\u00e4uft, ist das leider grundverkehrt und f\u00fchrt bei einzelnen Hunden zu so gravierenden Traumatisierungen, dass die Besitzer damit dann lebenslang zu k\u00e4mpfen haben, und zwar ohne auch nur zu ahnen, dass sie sich (und nat\u00fcrlich ihrem Hund) diese Suppe so richtig selbst eingebrockt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zentrale Missverst\u00e4ndnis ist ein Satz, den ich gar nicht mehr h\u00f6ren kann, ohne dass mir der Kamm schwillt: &#8222;Die machen das schon unter sich aus!&#8220;. Falsch, falsch und nochmals falsch!!! Wenn wir Hunde &#8222;das unter sich ausmachen&#8220; lassen, dann vernachl\u00e4ssigen wir unsere Verpflichtungen gegen\u00fcber unserem eigenen Hund, unserem Schutzbefohlenen, auf str\u00e4flichste Art und Weise. Es ist ein Bruch der Vereinbarung, die wir mit unserem Hund haben: Er gibt uns buchst\u00e4blich alles, was er hat und was er ist. Er will uns immer gefallen und beobachtet uns so genau wie kein anderes Tier, um zu erfahren, was er daf\u00fcr tun muss. Er legt sein ganzes Leben in unsere H\u00e4nde, scheinbar bedingungslos, was aber nicht stimmt. Er erwartet daf\u00fcr von uns in erster Linie F\u00fchrung, Schutz und Sicherheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kann also absolut nicht angehen, dass wir \u00fcber alles (Ern\u00e4hrung, Schlafplatz, Ausscheidungsverhalten, k\u00f6rperliche Bewegung, etc.) im Leben unseres Hundes bestimmen, uns aber in genau dem Moment raushalten, in dem unser Hund unsere Intervention am dringendsten ben\u00f6tigen w\u00fcrde; denn dadurch kann es sehr gut sein, dass wir ihn mit in den Scho\u00df gelegten H\u00e4nden entweder zum lebenslangen Opfer oder zum notorischen T\u00e4ter formen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nehmen Sie sich bitte die sechs Minuten Zeit, dieses Video aus Sue Sternbergs Red Alert Behavior Series anzusehen, damit Sie verstehen, um was es mir geht:<\/strong><\/p>\n<div class=\"wpview-body\" style=\"text-align: justify;\" contenteditable=\"false\">\n<div class=\"wpview-content wpview-type-embedURL\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/z18_TAYooHo?feature=oembed\" width=\"700\" height=\"525\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen in diesem Video sowohl Opfer als auch T\u00e4ter, beide durch ihre Besitzer zu dem gemacht, was sie sind. Die kleine braune H\u00fcndin wird fast durchgehend von anderen Hunden gemobbt, und zwar ziemlich \u00fcbel. Sie versucht \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume verzweifelt, von ihrer Besitzerin Hilfe zu bekommen, w\u00e4hrend diese v\u00f6llig ignorant auf ihrer Bank sitzt und wahrscheinlich der festen \u00dcberzeugung ist, dass sie gerade ihrer H\u00fcndin positive Sozialkontakte erm\u00f6glichen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zweiten H\u00e4lfte des Videos sehen wir etwas, was auf Hundewiesen sehr h\u00e4ufig zu beobachten ist, aber in der Regel nicht als Problem erkannt wird: Es kommt zu einer kurzen Konfrontation zwischen dem wei\u00df-schwarzen Terrier und der Husky-H\u00fcndin, danach wird der Terrier mit sehr hoher Geschwindigkeit \u00fcber den Platz gejagt. Auf den ersten Blick sieht das nach Wettrennen und v\u00f6llig harmlos aus, in Wirklichkeit, also im Kontext der vorhergehenden Konfrontation, ist das ein gef\u00e4hrlicher Vorgang, weil die Husky-H\u00fcndin keineswegs spielerisch mit dem Terrier um die Wette rennt, sondern ihn im Sinne einer Jagdsequenz verfolgt. Die Sache hat die ganze Zeit das Potenzial f\u00fcr ein Ende mit Blut und Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere, im Video nicht gezeigte, aber immer wieder zu beobachtende und hochproblematische Angelegenheit ist das sogenannte Rolling (Umrempeln, \u00dcberrollen). Sieht von au\u00dfen oft gar nicht so dramatisch aus, ist aber ein sehr aggressives Verhalten. Der Hund, der einen anderen \u00fcberrollt, meint es ziemlich ernst. Und der, der \u00fcberrollt wird, hat ohne Intervention seines Besitzers eventuell im weiteren Verlauf ganz sch\u00f6n schlechte Karten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle der in dem Video agierenden Hunde h\u00e4tten ein Anrecht darauf gehabt, dass ihre Besitzer ruckzuck einschreiten. Bei den Opfern, um die hochgradig ver\u00e4ngstigende Situation unverz\u00fcglich zu beenden, damit es nicht zur weiteren Traumatisierung kommt, bei den T\u00e4tern, damit diese nicht immer noch weiter in ihrem (teilweise selbstbelohnenden) Verhalten best\u00e4tigt und letztendlich unertr\u00e4gliche Rowdies werden. Ein solches Einschreiten kann sehr einfach sein, wie in dem Fall mit der kleinen braunen H\u00fcndin: Man geht zwischen die Hunde und nimmt seinen eigenen, also den \u00e4ngstlichen Hund, kurzerhand aus dem Get\u00fcmmel raus. Es kann sich aber auch als sehr problematisch darstellen: Eine High-Speed-Verfolgungsjagd wie zwischen dem Husky und dem Terrier ist so gut wie gar nicht zu unterbrechen. In diesem Fall w\u00e4re entschlossenes Eingreifen zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt notwendig gewesen. Daf\u00fcr br\u00e4uchte es aber die hochkonzentrierte Aufmerksamkeit der Besitzer(innen) aller beteiligten Hunde. Die freie Interaktion mehrerer Hunde ist absolut nicht der richtige Zeitpunkt, um sich die Landschaft anzusehen oder auf seinem Smartphone rumzudaddeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch besser w\u00e4ren einige der in dem Video auftretenden Hunde &#8211; speziell nat\u00fcrlich die kleine braune H\u00fcndin &#8211; erst gar nicht auf diesen Hundespielplatz gebracht worden. Lieber kein Sozialkontakt als so ein K\u00e4se! Wenn man b\u00f6se w\u00e4re, k\u00f6nnte man wetten, dass die Besitzerin sp\u00e4ter zu Hause die Internet-Foren durchackert, um sich Tipps f\u00fcr die Behandlung ihres armen Angsthundes geben zu lassen, den sie selber produziert hat und den sie immer noch \u00e4ngstlicher macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch ein Hund muss nicht in Watte gepackt werden. Er darf &#8211; besser sogar: sollte! &#8211; in freier Interaktion mit Artgenossen auch mal frustriert, gestresst oder in gewissen Grenzen angegangen\/zurechtgewiesen werden. Aber nur so weit, wie seine individuellen Bew\u00e4ltigungs-Strategien ausreichen. Die H\u00fcndin im Video ist v\u00f6llig \u00fcberfordert und wei\u00df sich absolut nicht mehr zu helfen. Es ist unsere Aufgabe als Besitzer, die Zeichen richtig zu deuten und punktgenau zu erkennen, wann es f\u00fcr unseren Hund einfach zu viel wird. Das ist rasseabh\u00e4ngig und auch individuell h\u00f6chst unterschiedlich, weshalb es daf\u00fcr keine allgemeing\u00fcltigen Ratschl\u00e4ge geben kann. Wenn Sie sich aufgrund mangelnder Erfahrung unsicher f\u00fchlen, ob Sie korrekt erkennen k\u00f6nnen, ab wann Ihr Hund mit einer Situation nicht mehr alleine klar kommt, m\u00fcssen Sie sich von einer Fachfrau oder einem Fachmann helfen lassen. Die tun das gerne!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Womit wir bei den Hundeschulen w\u00e4ren. Nach meiner Erfahrung sind die Zeiten (und die gab es durchaus!) von &#8222;Die regeln das schon untereinander&#8220; lange vorbei. Viele Trainerinnen und Trainer sind wirklich sehr aufmerksam und intervenieren bei Bedarf sofort. Trotzdem kann man immer noch manchmal beobachten, dass in Welpengarten-Stunden alle Besitzer(innen) um die Trainerin oder den Trainer herumstehen und aufmerksam zuh\u00f6ren, w\u00e4hrend &#8211; v\u00f6llig unbemerkt &#8211; ein Welpe gnadenlos in die Ecke gemobbt wird. Bleiben Sie aufmerksam! Sowas darf speziell in dieser supersensiblen Phase im Leben Ihres Hundes einfach nicht passieren und w\u00e4re ein sehr guter Grund, die Hundeschule zu wechseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andersrum wird aber auch ein Schuh draus: Viele frischgebackene Hundebesitzer(innen) sind (so ganz im Innersten) ein wenig stolz, wenn sich ihr Welpe in seiner Gruppe als besonders durchsetzungsstark erweist. Man sieht keinen Grund zum Eingreifen; gibt einem ja irgendwie ein gutes Gef\u00fchl &#8211; aber in der Regel halt nur bis zur Geschlechtsreife. Dann hat man pl\u00f6tzlich einen unertr\u00e4glichen R\u00fcpel an der Backe und wundert sich. Eine gute Trainerin, ein guter Trainer wird Ihnen auch das fr\u00fchzeitig begreiflich zu machen versuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Achten Sie darauf, dass bei Welpenstunden keine Interaktionen mit halbw\u00fcchsigen Hunden zugelassen werden. F\u00fcr robuste Welpen mancher Rassegruppen mag es kein gro\u00dfes Problem sein, wenn sie mal schnell von einem Halbstarken ein wenig rumgerollt oder \u00fcberrannt werden, bei anderen wird aber schon zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt der Keim f\u00fcr lebenslange Aversionen gelegt. Eine korrekte Welpengruppe besteht aus maximal sechs Tieren halbwegs gleichen Alters und von halbwegs ausgeglichener K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe. Ein acht Wochen alter Chihuahua kann nicht einfach mit 16w\u00f6chigen Welpen von Gro\u00dfrassen oder mit mehreren rabiaten Terriern in die selbe Gruppe geworfen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mir nat\u00fcrlich bewusst, dass auch Hundeschulen wirtschaftlich arbeiten m\u00fcssen, und dass es durch die zahlreichen Konkurrenz-Betriebe oft nicht einfach ist, rentable Welpenkurse nach diesen Ma\u00dfgaben zusammen zu stellen, aber das kann andererseits nicht Ihre Sorge als Welpenbesitzer sein, denn Sie allein m\u00fcssen es ausbaden, wenn schon so fr\u00fch etwas entscheidend schief geht, weil alters-, rasse- oder gr\u00f6\u00dfenbedingte Unterschiede nicht ber\u00fccksichtigt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: Halten Sie sich NICHT raus! Greifen Sie ein, und zwar sowohl, wenn Ihr Hund das Opfer ist, als auch, wenn er sich zum T\u00e4ter entwickelt. Ihr Hund schaut zu Ihnen auf und vertraut Ihnen in allen Dingen. Dieses Vertrauen k\u00f6nnen Sie grausam und nachhaltig entt\u00e4uschen, wenn Sie nicht dazu bereit sind, Ihren Hund vor jeglichen Sch\u00e4den zu sch\u00fctzen, auch und gerade durch Artgenossen. Die meisten Besitzer(innen) w\u00fcrden hochgradig aggressiv reagieren, wenn ein Fremder nach ihrem Hund treten oder schlagen w\u00fcrde. Das ist okay, aber es macht dann eben auch keinen Sinn, locker daneben zu stehen, w\u00e4hrend der selbe Hund gerade von einem Artgenossen untergepfl\u00fcgt wird. Und sollte es Ihr Hund sein, der sich gerade im Unterpfl\u00fcgen eines anderen \u00fcbt, dann wischen Sie mal schnell das stolze Grinsen aus dem Gesicht und gehen Sie dazwischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm \/ S\u00f6flingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut sozialisiert? N\u00f6, gut traumatisiert! Beitrag von Ralph R\u00fcckert, Tierarzt Ehre, wem Ehre geb\u00fchrt: Die Idee f\u00fcr diesen Artikel habe ich aus dem gleich betitelten Blog-Eintrag von Andre Yeu, dem Besitzer der Hundeschule &#8222;When Hounds Fly&#8220; in Toronto. 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