{"id":1840,"date":"2025-11-28T07:11:02","date_gmt":"2025-11-28T06:11:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=1840"},"modified":"2025-11-28T07:22:01","modified_gmt":"2025-11-28T06:22:01","slug":"haushunde-bereits-vor-ueber-11-000-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/haushunde-bereits-vor-ueber-11-000-jahren\/","title":{"rendered":"Haushunde bereits vor \u00fcber 11.000 Jahren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Geschichte der Hundedomestikation ist ein faszinierendes Kapitel der Menschheitsgeschichte, das bis heute zahlreiche Fragen aufwirft. Eine aktuelle Studie, ver\u00f6ffentlicht im November 2025 in Science, bringt mit einer umfassenden morphometrischen Analyse von Hundesch\u00e4deln aus den letzten 50.000 Jahren neues Licht in diese Debatte. Die Forscherinnen und Forscher untersuchten, wann sich die charakteristische Hundemorphologie erstmals von der des Wolfs absetzte und wie sich die Vielfalt der Hunde entwickelte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1842 size-medium\" src=\"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel-300x200.png\" alt=\"Symbolbild Hundesch\u00e4del 11.000 Jahre\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel-300x200.png 300w, https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel-1024x683.png 1024w, https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel-768x512.png 768w, https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Hundeschaedel.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie sich die enorme Bandbreite an Formen und Gr\u00f6\u00dfen, die wir heute bei Hunden beobachten, historisch entwickelt hat. W\u00e4hrend die genetische Trennung der wichtigsten Hundelinien bereits vor mehr als 11.000 Jahren nachweisbar ist, blieb bislang unklar, wann sich diese Trennung auch morphologisch manifestierte. Die Schwierigkeit, fr\u00fche Hunde von W\u00f6lfen anhand von Skelettmerkmalen zu unterscheiden, erschwerte die Forschung zus\u00e4tzlich. Die Autoren der Studie begegneten diesem Problem, indem sie dreidimensionale geometrische Morphometrie einsetzten. Mit dieser Methode analysierten sie die Form und Gr\u00f6\u00dfe von 643 Caniden-Sch\u00e4deln, darunter moderne W\u00f6lfe und Hunde, arch\u00e4ologische Funde aus dem Holoz\u00e4n sowie seltene Exemplare aus dem sp\u00e4ten Pleistoz\u00e4n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ergebnisse zeigen, dass eine eindeutig von der Wolfsform abweichende Hundemorphologie erstmals vor etwa 11.000 Jahren nachweisbar ist. Bereits in den fr\u00fchesten Hunden des Holoz\u00e4ns existierte eine beachtliche ph\u00e4notypische Vielfalt, die sich mit der heutigen \u00fcberschneidet. Die Forscher fanden heraus, dass sowohl moderne Hunde als auch holoz\u00e4ne Exemplare eine gr\u00f6\u00dfere Variabilit\u00e4t in der Sch\u00e4delform aufweisen als W\u00f6lfe \u2013 und dass diese Vielfalt schon lange vor der gezielten Rassezucht des 19. Jahrhunderts entstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass alle untersuchten sp\u00e4tpleistoz\u00e4nen Caniden, darunter auch Funde, die in der Vergangenheit als fr\u00fche Hunde diskutiert wurden, morphologisch als W\u00f6lfe klassifiziert werden mussten. Die \u00e4ltesten eindeutig als Hunde identifizierten Sch\u00e4del stammen aus der mesolithischen Fundstelle Veretye in Russland und sind auf etwa 11.000 Jahre datiert. Diese Exemplare sind nicht nur morphologisch, sondern auch genomisch als Hunde best\u00e4tigt. Auch in anderen Regionen, etwa in D\u00e4nemark und Asien, tauchen im Verlauf des Holoz\u00e4ns zunehmend morphologische Hunde auf. In Nordamerika ist der fr\u00fcheste Hund aus der Fundstelle Koster in Illinois bekannt, der auf etwa 8.600 bis 8.200 Jahre datiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die morphologische Vielfalt der Hunde nahm im fr\u00fchen Holoz\u00e4n deutlich zu. Bereits mesolithische und neolithische Hunde zeigten eine gr\u00f6\u00dfere Formvielfalt als Pleistoz\u00e4n-Caniden, aber noch nicht das extreme Spektrum moderner Rassen. Die Diversit\u00e4t der fr\u00fchen Hunde entspricht etwa der H\u00e4lfte der heutigen Bandbreite. Besonders auff\u00e4llig ist, dass die extremen Formen moderner Rassen \u2013 etwa die kurzen Schnauzen von Bulldoggen oder die langen K\u00f6pfe von Windhunden \u2013 in den fr\u00fchen arch\u00e4ologischen Funden fehlen. Dennoch war die Variabilit\u00e4t bereits damals deutlich ausgepr\u00e4gt und \u00fcbertraf die der W\u00f6lfe bei weitem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren diskutieren, dass das Fehlen morphologisch klarer Hunde im sp\u00e4ten Pleistoz\u00e4n nicht zwingend bedeutet, dass es damals keine Hunde gab. Vielmehr k\u00f6nnten methodische und taphonomische Faktoren \u2013 etwa die schlechte Erhaltung von Carnivorenknochen oder die geringe Funddichte \u2013 dazu f\u00fchren, dass fr\u00fche Hunde bislang unentdeckt blieben oder \u00e4u\u00dferlich noch zu wolfs\u00e4hnlich waren, um eindeutig identifiziert zu werden. Die ersten Hunde k\u00f6nnten demnach lange Zeit \u00e4u\u00dferlich kaum von W\u00f6lfen zu unterscheiden gewesen sein und erst sp\u00e4ter deutliche morphologische Merkmale entwickelt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres interessantes Ergebnis betrifft die Entwicklung der W\u00f6lfe selbst. Die Studie zeigt, dass moderne W\u00f6lfe weniger morphologische Vielfalt aufweisen als ihre pleistoz\u00e4nen Vorfahren. Ursachen hierf\u00fcr sehen die Autoren in Populationsr\u00fcckg\u00e4ngen, Lebensraumverlusten und Bejagung durch den Menschen, insbesondere im Mittelalter. Die heutigen W\u00f6lfe spiegeln also nur noch einen Teil der einstigen Vielfalt wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, k\u00fcnftig auch andere Skelettteile wie Mandibeln, Z\u00e4hne und postcraniale Knochen in die Analysen einzubeziehen. Diese sind in arch\u00e4ologischen Fundzusammenh\u00e4ngen oft zahlreicher erhalten und k\u00f6nnten helfen, die Domestikationsgeschichte noch genauer zu rekonstruieren. Auch kombinierte biomolekulare und morphometrische Ans\u00e4tze werden als vielversprechend angesehen, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen biologischen, kulturellen und \u00f6kologischen Faktoren bei der Entstehung und Diversifizierung der Hunde besser zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt liefert die Studie von Evin et al. \u00fcberzeugende Belege daf\u00fcr, dass die charakteristische Hundemorphologie vor etwa 11.000 Jahren entstand und sich die Vielfalt der Hunde bereits im fr\u00fchen Holoz\u00e4n deutlich auspr\u00e4gte. Die Ergebnisse zeigen, dass die Domestikation und Diversifizierung des Hundes ein komplexer, von zahlreichen Faktoren gepr\u00e4gter Prozess war. Die Forschung tr\u00e4gt wesentlich dazu bei, die Urspr\u00fcnge und die Entwicklung des \u00e4ltesten Begleiters des Menschen besser zu verstehen und liefert eine solide Grundlage f\u00fcr zuk\u00fcnftige Untersuchungen zur Domestikationsgeschichte der Hunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren schlie\u00dfen, dass trotz der langen und vielf\u00e4ltigen Beziehung zwischen Mensch und Hund viele Fragen offenbleiben. Die Suche nach den fr\u00fchesten Hunden und die genaue Rekonstruktion ihrer Entwicklung bleibt eine Herausforderung, die nur durch interdisziplin\u00e4re Ans\u00e4tze und die Einbeziehung neuer Funde und Methoden zu l\u00f6sen sein wird. Doch gerade diese Komplexit\u00e4t macht die Erforschung der Hundedomestikation zu einem der spannendsten Felder der Arch\u00e4ologie und Evolutionsbiologie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verfasser der Studie \u201eThe emergence and diversification of dog morphology\u201c sind Allowen Evin und Carly Ameen als gleichberechtigte Erstautorinnen, gemeinsam mit einem internationalen Team von Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen Institutionen. Die Studie wurde unter anderem von folgenden Hauptautoren verfasst:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Allowen Evin (ISEM, Universit\u00e4t Montpellier, Frankreich)<\/li>\n<li>Carly Ameen (Department of Archaeology and History, University of Exeter, Gro\u00dfbritannien)<\/li>\n<li>Colline Brassard (Mus\u00e9um National d\u2019Histoire Naturelle, Paris, Frankreich)<\/li>\n<li>Sophie Dennis (Queen Mary University of London, Gro\u00dfbritannien)<\/li>\n<li>Ekaterina E. Antipina (Institute of Archaeology, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau)<\/li>\n<li>Vincent Bonhomme (ISEM, Universit\u00e4t Montpellier)<\/li>\n<li>und zahlreiche weitere Koautorinnen und Koautoren aus Europa, Nordamerika und Asien.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vollst\u00e4ndige Liste der Autorinnen und Autoren sowie deren institutionelle Zugeh\u00f6rigkeiten ist im Originalartikel aufgelistet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SCIENCE Artikel: <a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.adt0995\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Original SCIENCE-Artikel<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Hundedomestikation ist ein faszinierendes Kapitel der Menschheitsgeschichte, das bis heute zahlreiche Fragen aufwirft. 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