{"id":1827,"date":"2025-11-13T07:43:30","date_gmt":"2025-11-13T06:43:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/?p=1827"},"modified":"2025-11-13T08:05:47","modified_gmt":"2025-11-13T07:05:47","slug":"nasenarbeit-als-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kynologen.at\/_blog\/nasenarbeit-als-therapie\/","title":{"rendered":"Nasenarbeit als Therapie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Je l\u00e4nger ein Hund seine Nase einsetzt, desto ruhiger, entspannter und geistig m\u00fcder wird er. Interessant sind hierzu auch Studien, die belegen, dass das Suchen mit der Nase die Herzfrequenz des Hundes senkt, ihn entspannt und seinen Parasympatikus aktiviert. Im Gegensatz dazu erh\u00f6hen aufregende Aktivit\u00e4ten, wie etwa Ball- und Fangspiele, seinen Puls.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir mit unserem Hund an einem fremden Ort sind und wir wissen, dass dies f\u00fcr den Hund stressig ist, dann versuchen wir h\u00e4ufig die Aufmerksamkeit des Hundes auf uns zu lenken in der Annahme, dass dies dem Hund helfen w\u00fcrde und wir so die Kontrolle behalten. Wir f\u00fchlen uns n\u00e4mlich nicht wohl dabei, wenn der Hund nerv\u00f6s heruml\u00e4uft und scheinbar nicht kontrollierbar ist bzw. an der Leine zieht und vielleicht auch noch jammert oder bellt. Solche Verhaltensweisen sind f\u00fcr uns Menschen sehr schwer auszuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher wird in Hundeschulen oft der Blickkontakt trainiert, sozusagen als Alternativverhalten zum aufgeregten Hin-und Herrennen. Die Idee dahinter ist: &#8222;Wenn der Hund sich auf mich konzentriert, kann er sich nicht auf die Umwelt konzentrieren. Und da ihn die Umwelt anscheinend stresst, wird er ruhiger, wenn er sich auf mich konzentriert.&#8220; Das klingt zwar plausibel, entspricht aber leider nicht der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Studie von Lucy d&#8217;Auvergne (Dog Behaviorist, UK)<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist der Forschungsfrage nachgegangen &#8222;Ist Nasenarbeit effektiver zur Stressreduktion als der Fokus auf den Menschen in einer neuen Situation\/Umgebung?&#8220;. Dazu hat sie mit 59 Hunden folgenden Versuch gemacht. Der Besitzer musste mit seinem Hund 2 Mal eine 60-Meter lange Strecke zur\u00fccklegen. Beim ersten mal an lockerer Leine, der Hund durfte nicht schnuppern sondern war auf seinen Menschen fixiert. Beim zweiten Mal wurde auf der gleichen Strecke eine Spur gelegt, um den Hund dazu zu animieren, die Nase am Boden zu halten und der Spur \u00fcber diese 60 Meter zu folgen. Der Hund sollte also schn\u00fcffeln und sich nicht auf den Menschen konzentrieren. Dabei hat sie 2 Dinge beobachtet:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Welche Verhaltensweisen zeigt der Hund, die auf Stress hindeuten, z.B. hecheln, sich sch\u00fctteln, etc.?<\/li>\n<li>Wie stark variiert die Herzfrequenz? Das wurde mittels Herzfrequenzmesser festgestellt.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war das Resultat?<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Die Hunde zeigten halb so viele Stresssignale, wenn sie schn\u00fcffelten anstatt sich auf den Menschen zu konzentrieren.<\/li>\n<li>Hunde, die schn\u00fcffelten, hatten 20% weniger k\u00f6rperlichen Stress gemessen an der Herzfrequenzvariabilit\u00e4t, als Hunde, die nicht schn\u00fcffelten bzw. sich am Menschen orientierten.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daraus l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass Nasenarbeit effektiver zur Stressreduktion geeignet ist, als der Fokus auf den Menschen in neuen Umgebungen oder Situationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Wie wirkungsvoll ist Schnuppern f\u00fcr Hunde<\/h2>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Schn\u00fcffeln Hunden dabei hilft, optimistischer zu werden, was die Resilienz und das emotionale Wohlbefinden positiv beeinflusst.<\/li>\n<li>Schultz hat schon 2006 herausgefunden, dass beim Schn\u00fcffeln mehr Dopamin im Gehirn ausgesch\u00fcttet wird. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der ein gutes Gef\u00fchl im K\u00f6rper hervorruft. Man f\u00fchlt sich also besser, wenn Dopamin ausgesch\u00fcttet wird.<\/li>\n<li>Schn\u00fcffeln kann den Erregungslevel senken und Ruhe f\u00f6rdern. Hier ist wichtig zu betonen, dass dies stattfinden KANN aber nicht unbedingt auf alle Hunde zutrifft.<\/li>\n<li>Schn\u00fcffeln ist ethologisch gesehen eine absolute Notwendigkeit, da dies zur Futtersuche dazugeh\u00f6rt. Ohne seine Nase w\u00fcrde der Hund kein Futter finden. Studien an Stra\u00dfenhunden haben gezeigt, dass Hunde sehr viel Zeit damit verbringen, Futter zu suchen.<\/li>\n<li>Schn\u00fcffeln wird von Hunden selbst auch als Beschwichtigungssignal bzw. \u00dcbersprungshandlung eingesetzt, wenn sie sich ein bisschen unwohl f\u00fchlen. Sie verwenden es selbst, um sich und die Umwelt zu beruhigen.<\/li>\n<li>Schn\u00fcffeln ist also ein nat\u00fcrliches Verhalten, das wir unseren Familienhunden nicht nur viel mehr erlauben sollten, sondern das wir auch zur Stressreduktion und Therapie gezielt einsetzen k\u00f6nnen!<\/li>\n<\/ul>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Wirkung\u00a0 auf das Stressniveau und das Wohlbefinden<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die F\u00e4higkeit des Hundes, seine Nase einzusetzen, ist nicht nur ein evolution\u00e4r bedeutsames Merkmal, sondern spielt auch eine zentrale Rolle f\u00fcr das emotionale und physiologische Wohlbefinden. Zahlreiche Studien belegen, dass Nasenarbeit \u2013 also das gezielte Einsetzen des Geruchssinns \u2013 zu einer Senkung der Herzfrequenz, einer Aktivierung des Parasympathikus und damit zu einer Entspannung des Hundes f\u00fchrt. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen aufregende Aktivit\u00e4ten wie Ball- und Fangspiele den Puls erh\u00f6hen und das Stressniveau steigern.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Nasenarbeit als therapeutischer Ansatz<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere in neuen oder potenziell stressreichen Umgebungen wird h\u00e4ufig versucht, die Aufmerksamkeit des Hundes auf den Menschen zu lenken, um Kontrolle zu behalten und Stress zu reduzieren. In Hundeschulen wird daher oft der Blickkontakt als Alternativverhalten zum nerv\u00f6sen Umherlaufen trainiert. Die Annahme, dass die Konzentration auf den Menschen zu einer Beruhigung f\u00fchrt, ist jedoch wissenschaftlich nicht haltbar.<br \/>\nEine Studie von Lucy d&#8217;Auvergne (2017) untersuchte, ob Nasenarbeit effektiver zur Stressreduktion beitr\u00e4gt als der Fokus auf den Menschen. In einem kontrollierten Versuch mit 59 Hunden zeigte sich, dass Hunde, die einer Geruchsspur folgten, halb so viele Stresssignale zeigten und eine um 20 % geringere Herzfrequenzvariabilit\u00e4t aufwiesen als Hunde, die auf den Menschen fixiert waren. Daraus l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass Nasenarbeit eine wirksame Methode zur Stressreduktion darstellt, insbesondere in neuen Situationen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse<\/h2>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong>Optimismus und Resilienz: <\/strong>Horowitz und Duranton (2018) konnten nachweisen, dass Nasenarbeit bei Hunden zu einer optimistischeren Grundhaltung f\u00fchrt und das emotionale Wohlbefinden sowie die Resilienz st\u00e4rkt. Hunde, die regelm\u00e4\u00dfig Nasenarbeit betreiben, zeigen in kognitiven Tests eine positivere Erwartungshaltung gegen\u00fcber unbekannten Reizen.<\/li>\n<li><strong>Neurophysiologische Effekte: <\/strong>Schultz (2006) zeigte, dass beim Schn\u00fcffeln vermehrt Dopamin ausgesch\u00fcttet wird, ein Neurotransmitter, der mit positiven Emotionen und Motivation in Verbindung steht. Die Dopaminfreisetzung f\u00f6rdert das Wohlbefinden und kann den Erregungslevel senken.<\/li>\n<li><strong>Ethologische Bedeutung: <\/strong>Schn\u00fcffeln ist ein nat\u00fcrliches Verhalten, das f\u00fcr die Futtersuche essenziell ist. Studien an Stra\u00dfenhunden belegen, dass ein Gro\u00dfteil ihrer Zeit mit der Suche nach Nahrung verbracht wird.<\/li>\n<li><strong>Beschwichtigungssignal: <\/strong>Hunde setzen Schn\u00fcffeln auch als \u00dcbersprungshandlung und zur Selbstberuhigung ein, wenn sie sich unwohl f\u00fchlen.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nasenarbeit ist ein artgerechtes, therapeutisch wirksames Mittel zur Stressreduktion und F\u00f6rderung des Wohlbefindens bei Hunden. Sie sollte nicht nur erlaubt, sondern gezielt eingesetzt werden, um die Lebensqualit\u00e4t von Familienhunden zu verbessern.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Verweise<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Let me sniff! Nosework induces positive judgment bias in pet dogs.<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li><a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/record\/2018-64244-001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/psycnet.apa.org\/record\/2018-64244-001<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/108293490\/Let_me_sniff_Nosework_induces_positive_judgment_bias_in_pet_dogs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.academia.edu\/108293490\/Let_me_sniff_Nosework_induces_positive_judgment_bias_in_pet_dogs<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.companionanimalpsychology.com\/2019\/02\/finding-hidden-food-in-nosework.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.companionanimalpsychology.com\/2019\/02\/finding-hidden-food-in-nosework.html<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Schultz, W.: Behavioral Theories and the Neurophysiology of Reward<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.hms.harvard.edu\/bss\/neuro\/bornlab\/nb204\/papers\/Schultz_AnnRevPsych_2006.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.hms.harvard.edu\/bss\/neuro\/bornlab\/nb204\/papers\/Schultz_AnnRevPsych_2006.pdf<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je l\u00e4nger ein Hund seine Nase einsetzt, desto ruhiger, entspannter und geistig m\u00fcder wird er. 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