Hundebisse stellen weltweit ein relevantes Problem dar – sowohl für die öffentliche Sicherheit als auch für das Tierwohl. Jährlich werden Millionen Menschen von Hunden gebissen, wobei die Schwere der Verletzungen stark variiert. Um das Risiko besser einschätzen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können, entwickelte der amerikanische Tierarzt und Verhaltensforscher Dr. Ian Dunbar eine Klassifikationsskala, die sogenannte Dunbar-Biss-Skala. Sie dient als standardisiertes Instrument zur Bewertung der Schwere eines Hundebisses und ist heute in der Verhaltenstherapie, im Tierschutz und in der Rechtsprechung weit verbreitet.
Die Skala wurde in den 1990er-Jahren von Ian Dunbar eingeführt. Hintergrund war die fehlende einheitliche Methode zur objektiven Einschätzung von Hundebissen. Vor der Einführung der Skala wurden Vorfälle oft rein subjektiv bewertet, was zu inkonsistenten Entscheidungen führte – etwa bei der Einschätzung der Gefährlichkeit eines Hundes oder der Notwendigkeit von Verhaltenstherapie.
Dunbar erkannte, dass nicht jeder Biss gleichzusetzen ist: Ein Hund kann aus Angst oder Stress zubeißen, ohne ernsthafte Verletzungen zu verursachen. Die Skala sollte daher nicht nur die Verletzungsschwere, sondern auch die Absicht des Hundes widerspiegeln. Ziel war eine praxisnahe, leicht verständliche Klassifikation, die Tierärzten, Trainern und Behörden eine fundierte Grundlage für Entscheidungen bietet.
Diese Hundebiss-Skala weist sechs Stufen auf
Level 1: Drohverhalten ohne Hautkontakt
Der Hund schnappt in die Luft oder berührt die Haut ohne Druck. Keine Verletzung.
Interpretation: Warnung, keine echte Verletzungsabsicht.
Level 2: Hautkontakt ohne tiefe Verletzung
Der Hund berührt die Haut mit den Zähnen, eventuell leichte Kratzer. Keine tiefe Wunde, höchstens oberflächliche Schrammen.
Interpretation: Kontrollierter Biss, geringe Gefahr.
Level 3: Ein tieferer Biss mit Hautdurchdringung
Eine einzelne Wunde, die die Haut durchdringt. Keine großflächige Gewebeschädigung.
Interpretation: Ernsthafte Absicht, aber begrenzte Aggression.
Level 4: Mehrere tiefe Bisse
Mehrere Wunden, deutliche Gewebeschädigung. Hohe Kraft, möglicherweise Schütteln des Kopfes.
Interpretation: Hohe Aggression, ernsthafte Gefahr.
Level 5: Wiederholte schwere Angriffe
Mehrere tiefe Bisse in verschiedenen Körperregionen. Lebensbedrohliche Verletzungen möglich.
Interpretation: Extrem gefährliches Verhalten.
Level 6: Tödlicher Angriff
Hund verursacht den Tod des Opfers.
Interpretation: Maximale Gefährlichkeit.
Anwendung in Praxis und Wissenschaft
Die Skala wird in verschiedenen Bereichen genutzt:
- Verhaltenstherapie: Einschätzung des Trainingsbedarfs und Prognose.
- Rechtsprechung: Grundlage für Entscheidungen über Maulkorbpflicht oder Einschläferung.
- Tierschutz: Bewertung von Vermittlungsfähigkeit aggressiver Hunde.
Kritische Reflexion
Obwohl die Dunbar-Biss-Skala ein wichtiges Instrument ist, gibt es Kritikpunkte:
- Subjektivität: Die Einschätzung kann variieren, da Faktoren wie Kontext und Stresslevel des Hundes nicht vollständig berücksichtigt werden.
- Keine Berücksichtigung der Ursachen: Die Skala bewertet die Schwere des Bisses, nicht die Motivation (z. B. Angst, Schmerz).
- Begrenzte Aussagekraft für Prävention: Sie beschreibt das Ergebnis, nicht die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Vorfälle.
Trotz dieser Einschränkungen bleibt die Skala ein wertvolles Hilfsmittel, das in Kombination mit einer umfassenden Verhaltensanalyse eingesetzt werden sollte.
Die Dunbar-Biss-Skala hat die Bewertung von Hundebissen revolutioniert, indem sie eine objektive Grundlage für Entscheidungen bietet. Sie ist jedoch kein Ersatz für eine ganzheitliche Analyse des Hundeverhaltens. Zukünftige Forschung sollte die Skala durch Modelle ergänzen, die auch psychologische und umweltbedingte Faktoren berücksichtigen.
Literaturverzeichnis
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