Die Geschichte der Hundedomestikation ist ein faszinierendes Kapitel der Menschheitsgeschichte, das bis heute zahlreiche Fragen aufwirft. Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im November 2025 in Science, bringt mit einer umfassenden morphometrischen Analyse von Hundeschädeln aus den letzten 50.000 Jahren neues Licht in diese Debatte. Die Forscherinnen und Forscher untersuchten, wann sich die charakteristische Hundemorphologie erstmals von der des Wolfs absetzte und wie sich die Vielfalt der Hunde entwickelte.

Symbolbild Hundeschädel 11.000 Jahre

Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie sich die enorme Bandbreite an Formen und Größen, die wir heute bei Hunden beobachten, historisch entwickelt hat. Während die genetische Trennung der wichtigsten Hundelinien bereits vor mehr als 11.000 Jahren nachweisbar ist, blieb bislang unklar, wann sich diese Trennung auch morphologisch manifestierte. Die Schwierigkeit, frühe Hunde von Wölfen anhand von Skelettmerkmalen zu unterscheiden, erschwerte die Forschung zusätzlich. Die Autoren der Studie begegneten diesem Problem, indem sie dreidimensionale geometrische Morphometrie einsetzten. Mit dieser Methode analysierten sie die Form und Größe von 643 Caniden-Schädeln, darunter moderne Wölfe und Hunde, archäologische Funde aus dem Holozän sowie seltene Exemplare aus dem späten Pleistozän.

Die Ergebnisse zeigen, dass eine eindeutig von der Wolfsform abweichende Hundemorphologie erstmals vor etwa 11.000 Jahren nachweisbar ist. Bereits in den frühesten Hunden des Holozäns existierte eine beachtliche phänotypische Vielfalt, die sich mit der heutigen überschneidet. Die Forscher fanden heraus, dass sowohl moderne Hunde als auch holozäne Exemplare eine größere Variabilität in der Schädelform aufweisen als Wölfe – und dass diese Vielfalt schon lange vor der gezielten Rassezucht des 19. Jahrhunderts entstand.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass alle untersuchten spätpleistozänen Caniden, darunter auch Funde, die in der Vergangenheit als frühe Hunde diskutiert wurden, morphologisch als Wölfe klassifiziert werden mussten. Die ältesten eindeutig als Hunde identifizierten Schädel stammen aus der mesolithischen Fundstelle Veretye in Russland und sind auf etwa 11.000 Jahre datiert. Diese Exemplare sind nicht nur morphologisch, sondern auch genomisch als Hunde bestätigt. Auch in anderen Regionen, etwa in Dänemark und Asien, tauchen im Verlauf des Holozäns zunehmend morphologische Hunde auf. In Nordamerika ist der früheste Hund aus der Fundstelle Koster in Illinois bekannt, der auf etwa 8.600 bis 8.200 Jahre datiert wird.

Die morphologische Vielfalt der Hunde nahm im frühen Holozän deutlich zu. Bereits mesolithische und neolithische Hunde zeigten eine größere Formvielfalt als Pleistozän-Caniden, aber noch nicht das extreme Spektrum moderner Rassen. Die Diversität der frühen Hunde entspricht etwa der Hälfte der heutigen Bandbreite. Besonders auffällig ist, dass die extremen Formen moderner Rassen – etwa die kurzen Schnauzen von Bulldoggen oder die langen Köpfe von Windhunden – in den frühen archäologischen Funden fehlen. Dennoch war die Variabilität bereits damals deutlich ausgeprägt und übertraf die der Wölfe bei weitem.

Die Autoren diskutieren, dass das Fehlen morphologisch klarer Hunde im späten Pleistozän nicht zwingend bedeutet, dass es damals keine Hunde gab. Vielmehr könnten methodische und taphonomische Faktoren – etwa die schlechte Erhaltung von Carnivorenknochen oder die geringe Funddichte – dazu führen, dass frühe Hunde bislang unentdeckt blieben oder äußerlich noch zu wolfsähnlich waren, um eindeutig identifiziert zu werden. Die ersten Hunde könnten demnach lange Zeit äußerlich kaum von Wölfen zu unterscheiden gewesen sein und erst später deutliche morphologische Merkmale entwickelt haben.

Ein weiteres interessantes Ergebnis betrifft die Entwicklung der Wölfe selbst. Die Studie zeigt, dass moderne Wölfe weniger morphologische Vielfalt aufweisen als ihre pleistozänen Vorfahren. Ursachen hierfür sehen die Autoren in Populationsrückgängen, Lebensraumverlusten und Bejagung durch den Menschen, insbesondere im Mittelalter. Die heutigen Wölfe spiegeln also nur noch einen Teil der einstigen Vielfalt wider.

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, künftig auch andere Skelettteile wie Mandibeln, Zähne und postcraniale Knochen in die Analysen einzubeziehen. Diese sind in archäologischen Fundzusammenhängen oft zahlreicher erhalten und könnten helfen, die Domestikationsgeschichte noch genauer zu rekonstruieren. Auch kombinierte biomolekulare und morphometrische Ansätze werden als vielversprechend angesehen, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen biologischen, kulturellen und ökologischen Faktoren bei der Entstehung und Diversifizierung der Hunde besser zu verstehen.

Insgesamt liefert die Studie von Evin et al. überzeugende Belege dafür, dass die charakteristische Hundemorphologie vor etwa 11.000 Jahren entstand und sich die Vielfalt der Hunde bereits im frühen Holozän deutlich ausprägte. Die Ergebnisse zeigen, dass die Domestikation und Diversifizierung des Hundes ein komplexer, von zahlreichen Faktoren geprägter Prozess war. Die Forschung trägt wesentlich dazu bei, die Ursprünge und die Entwicklung des ältesten Begleiters des Menschen besser zu verstehen und liefert eine solide Grundlage für zukünftige Untersuchungen zur Domestikationsgeschichte der Hunde.

Die Autoren schließen, dass trotz der langen und vielfältigen Beziehung zwischen Mensch und Hund viele Fragen offenbleiben. Die Suche nach den frühesten Hunden und die genaue Rekonstruktion ihrer Entwicklung bleibt eine Herausforderung, die nur durch interdisziplinäre Ansätze und die Einbeziehung neuer Funde und Methoden zu lösen sein wird. Doch gerade diese Komplexität macht die Erforschung der Hundedomestikation zu einem der spannendsten Felder der Archäologie und Evolutionsbiologie.

Die Verfasser der Studie „The emergence and diversification of dog morphology“ sind Allowen Evin und Carly Ameen als gleichberechtigte Erstautorinnen, gemeinsam mit einem internationalen Team von Forscherinnen und Forschern aus verschiedenen Institutionen. Die Studie wurde unter anderem von folgenden Hauptautoren verfasst:

  • Allowen Evin (ISEM, Universität Montpellier, Frankreich)
  • Carly Ameen (Department of Archaeology and History, University of Exeter, Großbritannien)
  • Colline Brassard (Muséum National d’Histoire Naturelle, Paris, Frankreich)
  • Sophie Dennis (Queen Mary University of London, Großbritannien)
  • Ekaterina E. Antipina (Institute of Archaeology, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau)
  • Vincent Bonhomme (ISEM, Universität Montpellier)
  • und zahlreiche weitere Koautorinnen und Koautoren aus Europa, Nordamerika und Asien.

Die vollständige Liste der Autorinnen und Autoren sowie deren institutionelle Zugehörigkeiten ist im Originalartikel aufgelistet.

 

SCIENCE Artikel: Original SCIENCE-Artikel

Haushunde bereits vor über 11.000 Jahren

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