Angelehnt an die Eskalationsstufen, die Feddersen-Petersen (2008) für das Aggressionsverhalten bei Hunden etabliert hat, kann man auch das Angstverhalten beschreiben. Das kann hilfreich sein, wenn es in der Evaluation und im Trainingsprozess darum geht, für den Hund ein leistbares Umfeld zu schaffen.
Der Ausgangspunkt dieser Einteilung ist ein Hund, der sich in einem neutralen Gemütszustand befindet. Er ist entspannt, nimmt seine Umgebung wahr, ohne einen Reiz, der seine Aufmerksamkeit über das Maß erregt. Sein Blick ist ungerichtet, das Ohrenspiel ist träge, der Körper und das Gesicht entspannt.
Beginnt ein Hund, Furcht oder Angst zu verspüren, sind die Übergänge fließend. Angstverhalten basiert weniger auf Erfahrungswerten und liegt im Ausdrucksverhalten zwischen Elementen von Unsicherheit und Ambivalenz, die dann durch die 3- bzw. 4-F-Verhaltenskette abgelöst wird.
Erste Stufe: Unsicherheit
Der Hund wirkt zögerlich, der Gang ist stockend, das Ohrenspiel kann intensiv sein oder die Ohrmuscheln sind auf die vermeintliche Bedrohung ausgerichtet. Über alle Sinne versucht der Hund, die Situation besser einzuschätzen: Er horcht, sondiert mit Blicken und wittert.
Zweite Stufe: Fiddle und Freeze
Der Hund wird zunehmend unruhiger oder nervöser. Abhängig von der verorteten Bedrohung kann er sich deeskalierend und demütig beispielsweise einem Artgenossen zuwenden: Der Körper ist weich, dynamisch und wird geduckt gehalten, gegebenenfalls Andeutungen von Vorderkörpertiefstellung als Spielaufforderung (fiddle), licking intentions oder, wenn möglich, Lefzenlecken. Der Blick ist auf den Artgenossen ausgerichtet, das Ohrenspiel ist aktiv.
Ist die Bedrohung weniger gut auszumachen, weigert der Hund sich weiterzugehen – er friert ein (freeze), versucht aber möglicherweise auch, sich in entgegengesetzter Richtung zu entziehen. Die Rute kann, muss aber nicht unter den Körper geklemmt werden. Der Blick ist auf die vermeintliche Bedrohung gerichtet. Die Ohren werden dabei leicht angelegt.
Dritte Stufe: Fright
Der Hund zeigt leichte Stresssymptome, der Blick ist unruhig mit vergrößerten Pupillen, abgewandt oder starrend auf das bedrohliche Objekt, die Ohren sind angelegt, die Fibrissen aufgestellt. Der Körper ist gebeugt oder rund und angespannt. Er hechelt oder sabbert leicht. Das Anheben einer Pfote ist ein Zeichen von Eskalationsbereitschaft in Richtung Flucht.
Vierte Stufe: Fright zu Flight (Flucht)
Die Unruhe des Hundes nimmt zu. Er zeigt deutlich z. B. Zittern der Muskulatur, Hecheln, Zurückziehen der Lefzen mit langer Maulspalte, deutliches Anlegen der Ohren. Der Blick ist gerichtet oder ungerichtet, abhängig von der Bedrohung, mit weit aufgerissenen Augen. Man spricht dann auch von Walaugen, weil sie hervortreten und das Weiße, die Sklera, sichtbar wird. Der Hund macht sich klein und rund. Die Rute ist jetzt unter den Körper gezogen. Nun zeigt der Hund ausgeprägt seine Intention, die Distanz zur Bedrohung zu vergrößern. Wenn es ihm möglich ist, flüchtet er. Der Hund kann jetzt vermutlich nicht mehr auf Ansprache reagieren oder kommunizieren.
Fünfte Stufe: Vorbereitung auf den Kampf (Fight)
Der Hund zeigt extreme Symptome von Stress, wie z. B. massives Zittern am ganzen Körper, speicheln, unkontrollierter Harn- oder Kotabsatz, Voll-Zähneblecken und abschnappen. Die Augen sind aufgerissen, die Ohren angelegt. Der Körper bereitet sich auf den Überlebenskampf vor. Die letzten Stufen sind vor allem Situationen vorbehalten, in denen der Hund aktiv durch ein anderes Lebewesen bedrängt wird.
Sechste Stufe: Fight
Im Überlebenskampf beißt der Hund ungerichtet um sich, schreit und versucht vehement zu fliehen. In schnellem Wechsel kann es auch zu zielgerichteten Attacken kommen, mit aufgestellten Ohren und gerichtetem Blick, wenn der Hund eine Chance sieht, die Lebensbedrohung zu vernichten.
Bei der Arbeit mit sogenannten Angsthunden sollte man bei der Konfrontation nicht über Stufe 3 gehen. Der Stress des Hundes ist danach häufig so hoch, dass er nicht mehr aufnahme- oder lernfähig ist. Einen Hund in eine solche Situation zu bringen, wäre tierschutzrelevant.
Im Rahmen der ersten drei Stufen und mit guter Begleitung kann der Hund durchaus lernen, dass keine Bedrohung besteht, oder durch Coping-Strategien gestärkt sicherer aus der Situation hervorzugehen.
